Samstag, 20. Januar 2007

Der schwarze Gletscher

Black Glacier
Schwarz glänzend liegt er in der Nachmittagssonne und erinnert eher an Schiefer oder dunklen Granit. Man muss erst ganz genau hinsehen um zu erkennen, dass es sich um einen schwarzen Gletscher handelt, der mir seine eisige Zunge entgegenstreckt. Seine Form ist bizarr, wie hunderte schwarze Nadeln, und dort wo er schmilzt erschafft er einen Fluss, den Rio Manso, in dessen milchigem Wasser noch schwarze Eisschollen schwimmen.
Obwohl hier viele Menschen sind, ist es still, niemand spricht, so ergriffen sind alle von dem Anblick, der sich uns bietet. Vor uns steht der Cerro Tronador, mit 3478 Metern Höhe der höchste Berg der Region Rio Negro, ein erloschener Vulkan und Gletscher. Er trägt eine dicke Kappe aus Eis, aus der sich überall kleinere und größere Wasserfälle ergießen. Manche liegen so hoch, dass ihr Wasser nicht auf dem Boden auftrifft, sondern vorher vom Wind zerstäubt wird und Regenbogen in den Sommerhimmel malt. Dort oben auf dem Gipfel hat das Eis noch seine typische weiß-blaue Färbung. Wenn wir Glück haben, so erklärt unser Führer Alfredo uns, können wir miterleben, wie sich etwas von dem Eis an der Abbruchkante löst und krachend in die Tiefe stürzt, wo es dann Teil der Gletscherzunge wird. Und wirklich löst sich, kaum sind wir eingetroffen, ein kleines Stück des Eises am Gipfel, etwa von der Größe eines Einfamilienhauses, und donnert zu Tal.
Glacier
Seine schwarze Farbe verdankt der Gletscher dem vulkanischen Gestein, dass er auf seinem Weg zermahlt und in sich aufnimmt. Überall finde ich kleine und große Tuffsteine, die auf vulkanische Aktivität hinweisen. Manche von ihnen sind rötlich (eisenhaltig) andere grün (kupferhaltig), die meisten aber schwarz. Zu gerne würde ich mir einen Stein als Bimsstein mitnehmen, doch wir befinden uns immer noch im Nationalpark Nahuel Huapi und das Mitnehmen von Pflanzen, Mineralien sowie das Wegwerfen von Abfällen jeglicher Art, organisch oder nicht, ist strengstens verboten und wird hart bestraft.
Niemals zuvor hatte ich ein stärkeres Gefühl mich in der Wildnis zu befinden als in diesem Park. Es gibt wenige Wege und Straßen, die Wälder sind absolut undurchdringlich, die Seen unzugänglich und die Berge unerschlossen. Mit anderen Worten, die Natur wird sich hier mehr oder weniger selbst überlassen.
Eigentlich hatte ich mich zu diesem Ausflug entschlossen, weil ich Lust auf eine Bootsfahrt hatte. Ich wollte die Landschaft von der Wasserseite aus betrachten, langsam die Wälder und Berge an mir vorüberziehen lassen und die Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem See genießen.
Pünktlich um 9 Uhr holt mich Alfredo an meinem Hotel, der Fazenda Carioca, ab. Er chauffiert einen geländegängigen Kleinbus, dass gefällt mir denn der verspricht einen abenteuerlichen Tag. Noch ein paar Hotels werden abgefahren und weitere Passagiere eingeladen und bald sind wir komplett. Argentinier aus den verschiedensten Teilen des Landes, eine Familie aus Chile und ich, als einziger Gringo, bin der Exot.
Wir fahren an kleinen ärmlichen Hütten vorbei aus der Stadt hinaus. Wie überall auf der Welt, lebt die weiße Oberschicht in schmucken Häuschen am See, während die Ureinwohner ein ärmliches, ihrer Identität beraubtes, Leben am Stadtrand führen. Die Straße schlängelt sich zwischen den Bergen hindurch und fast hinter jedem liegt ein anderer See. Auf manchen Bergen sieht man nur noch Baumgerippe und ich vermute Schädlinge, doch Alfredo erzählt von einem Buschbrand, den man in Ermangelung von Feuerflugzeugen und Helikoptern nicht löschen konnte. Zwar wäre im nahen Chile solches Rettungsgerät vorhanden gewesen, aber die Bürokratie der Zentralregierung in Buenos Aires war einfach zu langsam. Es folgt eine Verbalattacke auf das zentralistische System in Argentinien unter der Zustimmung aller Anwesenden. Diese Art der Kritik habe ich hier schon öfters gehört.
Bald erreichen wir den Lago Mascardi und hier steigen wir auf ein kleines Boot um, das uns in einer Stunde nach Pampa Linda bring. Ab hier geht es nun zu Fuß weiter durch den dichten Urwald, vorbei an einem Wasserfall, hinter dem man durchgehen kann, bis wir schließlich wieder auf Alfredo mit dem Kleinbus treffen. Bereits von meinem gestrigen Ausflug in Llao Llao war ich wegen der Bremsen vorgewarnt. "Willst du Knoblauch?", fragt mich einer meiner Mitreisenden während ich gerade wild um mich schlagend versuche, mich der Angriffe der Plagegeister zu erwehren. Zuerst verstehe ich nicht und denke er will mir einen Snack anbieten. "Ajo?", vergewissere ich mich nochmals. Als Antwort hält er mir nur seinen Arm unter die Nase damit ich daran rieche. Dann reicht er mir eine Knoblauchzehe und gibt mir zu verstehen, ich soll diese zerdrücken und die freien Stellen meiner Haut damit einreiben. Moskitos hassen das, sagt er. Im Bus herrscht jedenfalls danach ein angenehmes Knoblauch-Aroma und zum Abendessen bestelle ich ein großes Knoblauchbaguette zu meinem Steak.
Waterfall Cascades

Kommentare:

fartmeal hat gesagt…

Gut zu hören, dass Du ob des ganzen Knoblauch-Aromas nicht zum Kannibalen geworden und über Deine Mitreisenden hergefallen bist :-)
Die Naturbeschreibungen erwecken eine nie gekannte Reisesehnsucht in mir und den Wunsch, wenigstens die wenigen, mir verbleibenden, mobilen Jahre mehr dem Reisen zu widmen. Nun muß ich nur noch einen ähnlich großzügigen Sponsor wie Deinen Arbeitgeber finden, um dieses Vorhaben in die Tat umsetzen zu können ;-)

Wolfram hat gesagt…

Ha, ich habe Dich mit dem Reisevirus infiziert!
Bei der Suche nach einem Sponsor drücke ich Dir die Daumen (nicht so fest, denn die haben vom Paddeln zwei dicke Blasen)