Donnerstag, 17. Januar 2008

Sind Sie Brasilianer?

Über alles mögliche habe ich im meinem Blog bisher geschrieben: über abenteuerliche Fahrten durch wilde Landschaften, über Erkundungen in den großen Städten, über meine Befindlichkeiten, über das Besondere und das Gewöhnliche. Nur eines habe ich bislang ausgelassen und das ist mindestens genauso atraktiv, wie alle Naturschönheiten, von denen Argentinien jede Menge zu bieten hat: das argentinische Volk.

Manchmal werde ich auf Flügen nach Brasilien, auf Grund meiner erklecklichen Portugiesischkenntnisse gefragt, ob ich Brasilianer bin und manchmal antworte ich scherzhaft, dass ich ein Brasilianer bin, der in den Körper eines Deutschen geboren wurde, sozusagen ein Transnationaler. Ich ernte dafür immer ein Lachen und Anerkennung.
Aber das ist natürlich nicht so. Zwar fühle ich mich hier mehr zuhause als in anderen Erdteilen, habe eine Affinität zu Südamerika, aber trotzdem ich bin Deutscher, von außen und von innen. Damit bin ich ganz zufrieden und doch wünsche ich mir manchmal ich hätte ein bisschen mehr von der Lebenseinstellung, die die Menschen hier in Südamerika eint. Ich wäre gerne etwas lockerer, nicht ganz so schnell genervt, offener und freundlicher.

Auf jeder Exkursion kehrt man mittags in einer Wirtschaft ein, um eine Mittagspause einzulegen. Mindestens zwei Stunden werden dafür immer vorgesehen - Siesta!
Auf einer dieser Exkursionen saß die ganze Gruppe am Tisch zusammen und aß zu Mittag, wobei alle immer darauf bedacht waren mich am Gespräch zu beteiligen, mir Scherze immer und immer wieder zu erklären, bis auch ich sie endlich verstanden habe.
Das Desert hatte ich bewußt ausgelassen, weil ich mir schon während der ganzen Reise jeden Tag mehr Kalorien zuführe, als ich verbrennen kann. Als meine Mitreisenden bemerkten, dass der Platz vor mir leer geblieben war, boten sie mir von ihrem Nachtisch an, wobei jeder seinen als ganz besondere Spezialität der Region anpries, die ich mir auf keinen Fall entgehen lassen dürfte. Zum Schluß hatte ich einen Teller vor mir zu stehen, auf dem etwa die dreifache Menge an Süßigkeiten lag, als auf den Tellern aller Anderer am Tisch.

Ein anderes Mal, freute sich mein Sitznachbar so sehr über irgendwelche Gesichter, die er in Felsenformationen gefunden hat, dass er noch Minuten lang vor sich hinkicherte.

In der U-Bahn in Buenos Aires beobachtete ich eine Mutter mit ihrer etwa 16 jährigen Tochter, offensichtlich aus der Provinz, denn die Mutter stand einigermaßen ahnungslos vor dem Plan mit dem Bahnnetz um konnte sich nicht zurechtfinden. Die Tochter übernahm die Orientierung und ihre Mutter an die Hand, wobei sie ihr mit der anderen Hand übers Haar strich. Eine Geste, die ich als "Oh, Mama, langsam wirst Du alt" gedeutet habe.

Vielleicht nicht gerade die besten Beispiele, aber sie fallen mir spontan ein, weil sie mir in Erinnerung geblieben sind. Man begegnet sich (und mir) respektvoll, herzlich und ohne Argwohn.

Und wenn man mich das nächste Mal fragt, ob ich Südamerikaner bin, antworte ich: Noch nicht, aber ich gebe mir Mühe!

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Das klingt alles sehr gut - so hätte ich das auch gern. Du wirst verstehen, dass ich mehr denn je weg möchte von hier. Vieles bekommst Du aufgrund Deiner häufigen Abwesenheiten gar nicht mit, aber allmählich wird das hier nur noch Hauen und Stechen - von Respekt oder gar Gelassenheit nicht die Spur!

Wolfram hat gesagt…

Hmmm, was ist denn los?
Ich kann natürlich auch nur aus der Sicht des Touristen sprechen und der Umgang ist eine (wenn auch extrem wichtige) Sache. Die andere ist der tägliche Kampf ums Überleben, das begleitet einen wahrscheinlich überall auf der Welt.

renovatio hat gesagt…

Schon richtig - den Überlebenskampf meinte ich nicht - dem stelle ich mich mehr oder minder erfolgreich ja schon lange. Nein, genau wie Du sagst: Der Umgang miteinander macht einen entscheidenden Anteil des Lebensgefühls aus - und da hapert's hier mittlerweile ganz gewaltig. Auf dem Dorf ist das *manchmal* noch anders, aber auch nicht überall.