Montag, 21. Januar 2008

Eine Heilige?

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Ich bin nicht religiös, bin es nie gewesen und wenn ich es je war, dann haben es mir meine Lehrerinnen, in meinen ersten Schuljahren, in einer konfessionellen Schule, gründlich ausgetrieben.
Dennoch habe ich mich heute auf eine Wallfahrt begeben, aber nicht aus religiöser Überzeugung, sondern vielmehr, weil ich die Verehrung einer Heiligen kennenlernen möchte, die weltweit wohl ihresgleichen sucht.

Es war das Jahr 1840 und es herrschte Bürgerkrieg. Eine junge Frau, Deolinda Correa, folgt dem Bataillon ihres Mannes zu Fuß mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm und nur wenigen Vorräten an Wasser. Über den Grund für ihrer gefährlichen Reise kann nur spekuliert werden: vielleicht war die Sehnsucht zu groß, vielleicht musste sie auch einfach nur vor dem Feind flüchten. Die Gegend, die sie durchqueren muss ist heiß und trocken, sehr heiß und sehr trocken. Es gibt keinen Schatten und wenig, woran man sich orientieren kann. Sie muss wohl die Orientierung verloren haben, ihre Vorräte gingen zu neige und sie starb an Hunger, Durst und Schwäche.
Vorbeiziehende Viehtreiber fanden sie Tage später und stellten zu ihrer Überraschung fest, dass der Säugling am Leben war und an der Brust der Toten trank. Ein Wunder! - Soweit die Legende.

Der Ort, den ich heute besucht habe, nennt sich Difunta Correa, also die erloschene Correa, und ist der Ort an dem man die tote Mutter mit ihren Kind gefunden hatte. Nicht nur hier, aber hier eben ganz besonders, manifestiert sich die Verehrung der Heiligen. Gab es bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts nur ein Holzkreuz auf einem Hügel, so ist heute ein wahrer Heiligenzirkus entstanden.

Die Difunta kann man um alles bitten: um Gesundheit oder Genesung eines lieben Angehörigen genauso wie finanziellen Erfolg, ein Haus, eine Ehe oder den Sieg in einen Schönheitswettbewerb.
Für alle möglichen Wünsche sind verschiedene Kapellen errichtet worden, siebzehn insgesamt. Als Dank für die endlich zustande gekommene Ehe spenden Bräute ihr Brautkleid, also ist eine Kapelle über und über voll mit Brautkleidern, in einer anderen danken Soldaten und Polizisten dafür, dass sie den Dienst unbeschadet überstanden haben, indem sie ihre Uniformen opfern. Ein wildes Sammelsurium an Gaben der verschiedensten Art beherbergen die Kapellen: eine kleinen ausgestopften Hund, wohl aus Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachten Jahre, eine Beinprothese, Spielzeug, goldene Schallplatten lokaler Künstler, aus Dankbarkeit für den Erfolg, Universitätsdiplome, Motorräder und selbst Autos. In einer Kapelle finde ich einen gut erhaltenen Ford Modell A, Baujahr 1929. Die Kappellen sind von innen und außen mit Tafeln gepflastert, die Familien gestiftet und dort angebracht haben.
Ford Modell A
Das wichtigste Opfer jedoch ist Wasser. Mehrere hundert Wasserflaschen werden an einem Tag vor die Kapellen gestellt. So viele, dass mehrmals am Tag neuer Platz geschaffen werden muss, indem die alten Flaschen ausgeschüttet und weggeworfen werden. Difunta Correa soll niemals wieder Durst leiden.

Ein wirklich skurriler Ort, aber die Verehrung ist echt!

Ich habe alte Männer gesehen die in der Gluthitze (45°C) auf Knien die Stufen bis zur höchsten Kappelle hinaufgekrochen sind, Familien, die ihre Neugeborenen mitgebracht haben um sie der Difunta zu zeigen und Gläubige, die voller Ehrfurcht eine der Statuen, die die tote Mutter mit ihrem Kind darstellen, berührt haben und gerührt waren.

Am Fuß des Heiligtums hat sich natürlich der übliche Handel niedergelassen. Man kann kleine Statuen für zu Hause kaufen, alle möglichen Dinge um sie zu opfern, religiösen Kitsch, Getränke und Süßigkeiten.

Nun hat das ganze aber einen kleinen Schönheitsfehler, denn die katholische Kirche weigert sich standhaft die Difunta Correa heilig zu sprechen. Sicherlich gibt es ein kompliziertes Regelwerk für Heiligsprechungen, dessen Kriterien die Difunta eben nicht vollständig entsprechen kann. Vielleicht muss einem Wunder immer eine Marienerscheinung vorausgehen, oder sich die Motive der Heiligzusprechenden in tiefer Religiosität begründen. Ich weiß es nicht!

Was jedoch ein wahrer Argentinier ist, erkennt ein Wunder, wenn er eines vor sich hat. Und hier besteht daran wohl kein Zweifel. Da kann ich nur zustimmen!

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Sehr beeindruckend, mit welcher Hingabe die Landsleute da ihrer mittlerweile berühmten, aber auch tragischen Heldin huldigen! Religiosität kann sich doch auf viele Arten äußern und dass Du gegen die Dogmen einer konfessionellen, vermutlich römisch-katholisch geprägten Schule Abneigung entwickelt hast, ist nur zu verständlich. Mir wird es weiterhin ein Rätsel bleiben, wie dieser selbstgefällige, chauvinistische Scheißhaufen von römisch-katholischer Kirche über Jahrhunderte hinweg mehr oder minder unbehelligt sein Unwesen treiben konnte und noch weiter kann! In diesem einen Punkt ist der Jihad vielleicht wirklich nötig, damit der Vatikan mal endlich den Schuß hört - auch wenn man da den Teufel mit dem Beelzebub austreiben würde.
Wie auch immer - Glaube und Religion finden eben nicht auf den Kirchplätzen, sondern in den Herzen statt - und so steht's eigentlich auch in der Bibel. Und dann sollte da auch Raum sein für jede persönliche Variante. Die Geschichte der Deolinda Correa und die ihr entgegengebrachte Verehrung scheint mir dafür ein geeignetes Beispiel zu sein.
(Ich frage mich nun, ob ihre Huldiger mit ihren Spenden in den inneren Kreis der Mäzene vorgedrungen sind.... ;-))

Wolfram hat gesagt…

Das ist nämlich genau der Punkt. Die Leute denken, Sie könnten sich ihr Seelenheil erkaufen, indem sie eine Heilige mit Autos und dergleichen bestechen.
Dabei steht eine Heilige, wenn es denn eine ist, über den Dingen und hilft, weil es ihre Natur ist.
Nur im Diesseits gibt es nichts umsonst und das war was diesen Ort so skurril gemacht hat.