Mittwoch, 9. Januar 2008

La tierra del tango

Der Asphalt kocht. Das Thermometer zeigt 38°C an, aber es ist bereits weit nach fünf Uhr - von nachmittäglicher Abkühlung keine Spur.
Die Halle, in der die Schiffspassagiere ihr Gepäck erhalten sollen wird renoviert, nur ein provisorisches Gepäckband in einem engen Raum steht zur Verfügung und wird von etwa 300 Menschen belagert, wer jedoch in fünfter Reihe steht hat keine Chance sein Gepäck zu erkennen, geschweige denn es vom Band zu nehmen.
So warte ich zunächt einmal in einiger Entfernung und lasse meinen Koffer solange Karoussel fahren, bis sich die Reihen gelichtet und ich, ohne Gefahr für Leib und Leben, mein Gepäck in Empfang nehmen kann.
Als ich die Ankunftshalle dann betrete suche ich zunächst nach einem Geldautomaten, einem cajero, denn ich brauche für's Taxi ein wenig Bargeld. Ich frage mich durch und erfahre so, dass der einzige Bankautomat kaputt ist. Zwar ist eine Wechselstube geöffnet, aber ich möchte meinen Vorrat von US$ und € nicht unnötig schmälern. Wer weiß in welche Situationen ich auf meiner Reise noch kommen werde, in der kleine "Geldgeschenke" in harter Währung, mir die örtliche Ordnungsmach gewogen machen kann. Auf meine nächste Frage nach einer Touristeninformation, schickt man mich erst in ein Reisebüro, dass Pauschalreisen verkaufen möchte und schließlich zum nahe gelegenen "Puerto Madero", wo sich tatsächlich eine solche Information befindet.
Ein Glaskasten, der unter einen der alten Kräne, übrigens "made in GDR" vom VEB Verlade- und Transportanlagenbau, die man, um die Hafenathmosphäre zu erhalten, stehen gelassen hat, beherbergt einen Informationsstand für Touristen. Informationen über freie Hotelzimmer hat man hier zwar nicht, jedoch eine Liste mit einigen Hotels und deren Telefonnummern zur Auswahl. Wenigstens befindet sich ein Geldautomat in unmittelbarer Nähe und somit ist mein Bargeldengpass beseitigt.

Ich suche mir ein ruhiges schattiges Örtchen im Freien und rufe mit meinem Handy die Hotels aus der Liste an. Zunächst versuche ich es in dem Hotel, in dem ich vor genau einem Jahr abgestiegen bin, aber statt der damaligen 50 US$ verlangt man nun 120 US$. Das muss noch preiswerter gehen denke ich mir, bedanke mich und lege auf. Als nächstes fällt mir ein Hotel ins Auge, dessen Name mir gefällt: "Como en Casa" - "Wie zu Hause" heißt es. Ein hübscher Name, dort probiere ich es als nächstes! Leider ausgebucht, sagt mir die Stimme am anderen Ende. Ob er denn ein gutes Hotel empfehlen könne, frage ich ihn. Er antwortet, dass er zwar nicht wüßte, ob Zimmer frei wären, aber er könne mir eine Telefonnummer geben.

Am anderen Ende meldet sich diesmal jemand mit französischem Akzent. Da ich jetzt unbedingt ein Zimmer haben möchte und es mir vielleicht einen Vorteil verschafft, antworte ich in meinem stark angestaubten Schulfranzösich und kann direkt hören, wie sich die Mine meines Gegenübers aufhellt. Er fragt mich ob ich Franzose wäre - die Verbindung muss wirklich schlecht sein - und ich habe ein Hotelzimmer. Costa Rica nennt sich mein zu Hause für die nächsten Tage und es liegt praktischerweise in der Calle Costa Rica, im angesagten Stadtteil Palermo Viejo.
Als der Taxifahrer vor der Tür hält, traue ich meinen Augen kaum: Ein schön restaurierter Stadtpalais, mit Stuckfassade und schönen, alten, für Buenos Aires so typischen Holzflügeltüren.
In der Lobby surrt ein großer Standvenilator vor sich hin, ein paar Designersessel, ein antiker Holztisch mit einigen Kunstbüchern darauf, ein in die Wand eingebauter Tresor, der jetzt als Bücherschrank zweckentfremdet wurde, an der Seite eine kleine Kaffeebar mit Barhockern und auf dem Tresen eine Vase mit einem großem Strauß duftender weißer Lilien. An den Wänden abstrake Kunst.
Ich werde herzlich begrüßt und ersteinmal auf einen Kaffee eingeladen, während ich erzähle wo ich gerade herkomme und was meine Pläne sind.

Am nächsten Tag steht ein Bummel durch Palermo Viejo und einige Besorgungen an. Auch an diesem Tag steigt das Thermometer auf beinahe 40°C und erinnert mich an den Jahrhundertsommer von 2003.
Als ich am Nachmittag durch die Avenida Florida komme, beginnt dort gerade eine Milonga, ein Tango auf der Straße. Das Tänzerpaar könnte nicht unterschiedlicher sein. Alleine der Altersunterschied der beiden von 30 bis 35 Jahren lässt die Sache grotesk wirken, denn schließlich geht es beim Tango um Leidenschaft, Verführung und Sex.
The passion of tangoThe passion of tango
Kaum erklingen jedoch die ersten Töne vom Band, kaum setzten sich die beiden in Bewegung ist jeder Zweifel verflogen und der Altersunterschied, der vor wenigen Sekunden noch fast anrüchig erschien, fällt nun überhaupt nicht mehr auf.
Mehr noch, sobald der Tanz begonnen hat, scheinen die beiden die Zuschauer um sie herum, den Trubel, die hektischen Straße überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Für sie gibt es nur noch die Musik und den Tanz!

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Die Welt (oder der Platz), die dem Tango gehört - schön betitelt! Hätte mein Herz nicht zuerst für die Musik höher geschlagen, hätte ich wohl Tänzer werden müssen, denn genau das ist es: Ertönen die ersten Takte, hört man den Rhytmus, die Harmonien, Melodieführung, lässt sich alles andere ganz leicht und ohne jede Mühe vergessen und existiert für eine kurze Zeit in der Ewigkeit einfach nicht mehr! Für Augenblicke scheint man in ein Paralleluniversum entrückt, in dem nur noch Reinheit, Schönheit, Leidenschaft und Liebe existieren. Das ist es!

Gratulation zum temporären Domizil"fund", in dem Du Dich bestimmt sofort "wie zu Hause" gefühlt hast, als man Dich herzlich und gastfreundlich empfing. Ich sag's Dir, Alter: Genau das brauch' ich auch noch als künftiges Dauerdomizil: Einen Platz, wo Menschen noch Menschen sind und sich mit guter Laune und gegenseitiger Wertschätzung begegnen. Dann könnte meine Seele endlich wieder aufatmen.

renovatio hat gesagt…

P.S.: Übrigens sagenhafte Portraits der beiden Tänzer, die Du da eingefangen hast - Konzentration, aber auch Vergnügen stehen Ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben - sehr geil!

renovatio hat gesagt…

Heute geht's "portionsweise": Gerade fällt mir noch auf: Das Hotel ist wirklich sehr schön, ich seh' mir gerade die Bilder an und mache dabei noch eine Beobachtung: Argentinien sitzt offenbar deutlich jenseits der Digital Divide... Jetzt sind schon mehrere Minuten vergangen, und die Seite mit den kleinen Thumbails, den Galerie-Voransichten, ist noch immer nicht vollständig geladen... Hm. Na ja. In Lateinamerika hat man halt noch Zeit. :-)

Wolfram hat gesagt…

Hmmm, habe mir die Seite selbst angeschau, aber bei mir ging's ganz schnell. Sind wohl einige Bits und Bytes auf dem Weg über den Atlantik verloren gegangen :)

Ich habe heute meinen Aufenthalt nochmal spontan verlängert bis Samstag, denn ich habe keine Lust darauf, wie ein Gestörter meine Punkte abzuhaken. Schließlich habe ich ja Urlaub und wie Herr Helmes schon immer sagte: Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit!

Die Portraits sind natürlich nicht die einzigen, die ich von den Tänzern gemacht habe, aber meiner Meinung nach die besten. Danke für's Kompliment!