Dienstag, 15. Januar 2008

Höhenkrank

Die Höhenkrankheit hat mich voll erwischt - und unvermittelt. Plötzlich habe ich bohrende Kopfschmerzen und mich überkommt das Gefühl mich übergeben zu müssen. Ich will einfach nur noch nach unten, ich will Sauerstoff! Statt dessen kündigt unser Führer Martín an, wir würden in einer halben Stunde zum höchsten Punkt unserer Exkursion kommen, und der liegt auf etwa 4200 Metern über dem Meeresspiegel. Ich bekomme Schweißausbrüche. Alle anderen Teilnehmer der Exkursion sind wohl auf, schwatzen und lachen. Ich will mir nicht die Blöße geben, auf meine Mitreisenden zu speien oder aus dem offenen Fenster, das nur einen Sprung weit entfernt ist.

Bei jeder Exkursion gibt es, nachdem alle Teilehmer in ihren Hotels abgeholt wurden, einen kleinen technischen Halt, "una parada technica", wie die Führer es immer nennen. Meistens findet der an einer Tankstelle statt, man hat nochmal die Gelegenheit auf die Toilette zu gehen und sich mit kleinen Snacks und Getränken zu versorgen.
Diesmal findet der Stopp an einem kleinen Kiosk statt und Martín erklärt uns, dass unsere Exkursion sehr hoch führen wird, auf exakt 4170 Meter über dem Meeresspiegel. Hier hätte man nun die Gelegenheit sich mit Kokablättern zu versorgen, die uns helfen würden uns an die große Höhe anzupassen.
Ich bin der einzige der Gruppe, der sich einen Beutel der grünen Blätter kauft. 25 Gramm für 5 Pesos, also etwa 1,10 Euro. Unscheinbar sehen sie aus, in ihren gelben Plastikbeutel, auf dem für die überragende Qualität seines Inhalts geworben wird.
Meiner Nachbarin Susan, eine Anwältin aus York in England, biete ich an, dass ich gerne mit ihr teilen würde, wenn sie möchte. Sie nimmt an.
Wieder zurück im Bus erkundige ich mich, wie es um die Legalität meiner Anschaffung steht. Polizeikontrollen gibt es überall in Argentinien reichlich und auch heute werden wir mehrmals kontrolliert. Martín erklärt mir, dass der Anbau und der Besitz von mehr als 5 Kilo verboten ist, denn dann würde man als Händler gelten. Die Gefährlichkeit des Genußes der Kokablätter erklärt er an Hand von Wein. Man könne Weintrauben essen soviel man wolle, davon bekäme man keinen Rausch. Mit Kokablättern verhält es sich genau so. Koka sei schließlich nur der Grundstoff der Droge Kokain, wenn auch die wichtigste Zutat, und um die Droge zu synthetisieren bräuchte man noch diverse Chemikalien und das Wissen um die Herstellung des Derivats.
Um nur 10 Gramm Kokains herzustellen, bräuchte man zudem 500 Kilo der Blätter, die jetzt, in einer Plasiktüte verpackt, auf meinem Schoß liegen.

Unser Ausfug führt entlang der Schienen des berühmten "Tren a las nubens", des Zugs in den Wolken, einer der vier höchsten Bahnstrecken der Welt. Gerne wäre ich mit diesem Zug gefahren, aber er operiert, der starken Regenfälle in den Sommer wegen, nur in den Wintermonaten.
Die Vegetation wechselt genauso schnell wie auf unserem gestrigen Ausflug. Bald schon haben wir den tropischen Wald hinter uns gelassen und befinden und jetzt in der semiariden Zone, in der die Vegetation hauptsächlich aus Baumkakteen und niedrigen Büschen besteht.
Road to Tasil
Unser erster Halt des heutigen Tages ist an den Ruinen von Tastil. Hier sind die Überreste einer Präincasiedlung, des Volkes Tastil, zu besichtigen, entdeckt erst 1905 von einer schwedischen Expediton. Um die 2500 Gebäude standen hier einst, an einem Berghang, mitten im Nichts der trockenen Landschaft. Der Boden ist bedeckt mit Scherben von Töpferwaren der einstigen Siedler. Man muss sich nur Bücken um sie aufzuheben. Ein Schild am Eingang ermahnt dazu, dass Ausgrabungen hier strengstens verboten sind. Das gilt natürlich auch für die Mitnahme von Fundstücken.
Am Fuß der archäologischen Stätte betreibt eine freundliche Indiofrau stolz ein kleines Museum. Es beherbergt eine Mumie, ein paar gut erhaltene Töpferwaren und Artefakte aus Metall. Als ich mich schon zu Gehen wenden möchte hält sie mich auf um mir noch eine Besonderheit zu zeigen. Auf dem Boden liegen sieben große unscheinbare Felsbrocken. Sie fängt an mit kleineren Steinen darauf zu schlagen und erzeugt so Klänge wie die von Glocken. Da ich aus Deuschland komme spielt sie für mich Beethovens "Für Elise". Die Steine sind hohl und klingen deswegen so schön, erklärt sie mir.

Je Höher wir steigen, desto spärlicher wird der Bewuchs mit Baumkakteen. Sie wachsen bis in eine Höhe von 3200 Metern und die haben wir jetzt überschritten. Baumkakteen sind die einzigen ihrer Art, die in ihrem Inneren ein Holzskelet haben und so ihr eigenes Gewicht und den starken Winden im Hochland stand halten können. Dieses Holz wird, in Ermangelung anderen Baumaterials, in dieser Gegend zum Bau von Fenster- und Türrahmen verwendet.

Unsere Mittagspause ist in dem einzigen größeren Ort des Hochplateaus auf dem wir uns jetzt befinden, in San Antonio de los Cobres, geplant. Bevor wir ankommen werden wir gebeten, den Kindern weder Geld noch Süßigkeiten zu geben. Seit Touristen ihren Ort jeden Tag besuchen, steht es mit der Zahngesundheit der Kinder und Jugendlichen hier nicht zum Besten. Ein Mal pro Woche komme jetzt ein Zahnarzt ins Dorf, meistens jedoch zu spät um noch etwas zu retten. San Antonio de los Cobres ist eine Kupfermine in 3400 Metern Höhe, bewohnt ausschließlich von Indios und die Armut hier ist groß. Bereits am Eingang werden wir von Frauen und Kindern empfangen, die Handarbeitswaren verkaufen: kleine Llamas aus Wolle, sowie selbsgestrickte Handschuhe, Socken, Mützen und Pullover. Hübsche Sachen eigentlich, doch ich habe in meinem Koffer keinen Platz mehr.
San Martín de Los Cobres
Der Ort ist deprimierend: Die Adobe-Häuser klein und einfach, eine Kirche, eine Kupfermine und eine Schule. Keine Vegetation, nichts was Schatten spendet, keine Unterhaltung.
Das Wirtshaus in das wir einkehren, nennt Martín scherzhaft das Sheraton des Ortes, denn es ist das beste Haus am Platz.

Nach dem Mittagsstopp führt unsere Fahrt über das Hochplateau zum eigentlichen Ziel des heutigen Ausflugs, dem großen Salzsee, der Salina Grande.
Die Straße dorthin ist schlecht. Für die 100 Kilometer werden wir wohl mehr als zwei Stunden brauchen schätzt der Fahrer. Tatsächlich werden es fast vier. Über Nacht hat es hier, mitten in der Wüste, stark geregnet und die Straße, eh nur eine Staubpiste, steht zum Teil so hoch unter Wasser, dass sie nicht mehr zu befahren ist. Der Fahrer ist also gezwungen off-road zu fahren, wobei unser Führer vorausgeht um das Gelände zu sondieren, größere Steine aus dem Weg zu räumen und Büsche auszureißen. So geht es nur im Schritttempo vorwärts.
Salina Grande
Als wir endlich die Salina Grande erreichen, hängen wir unserem Zeitplan hoffnungslos hinterher. Sowohl Fahrer als auch Führer unserer Exkursion sind freiberuflich tätig und können sich nicht leisten einen Auftrag auszuschlagen. Beide müssen morgen bereits wieder um 6 Uhr los und werden heute wohl nicht vor 23 Uhr zu Hause sein.
Als wir aussteigen liegen 200 Quadratkilometer Salzwüste vor uns. Der schneeweiße Boden blendet und die Sonne brennt auf uns herunter. Hier zu arbeiten ist der ungesundeste und schlecht bezahlteste Job, den man sich vorstellen kann. Für eine Tonne Salz bekommt man nur 14 Pesos, nicht einmal 3 Euro und die salzhaltige Luft verätzt die Atemwege auf Dauer. Binnen 3 Jahren kann man hier erblinden, wenn man seine Augen nicht permanent schützt. Die Arbeiter, die ich hier sehe, sehen tatsächlich alle aus, als ob sie eine Bank überfallen möchten. Über ihrem Kopf tragen sie einen Stoffsack, in dem nur zwei Schlitze für die Augen geschnitten sind. Darüber tragen sie eine Sonnebrille. Nur an ihren ungeschützten Händen kann man erkennen, dass es sich bei ihnen um Indios handelt.
Ich laufe ein bisschen auf der salzigen Fläche, mache ein paar Fotos und merke dass ich keine Luft mehr bekomme. Die Höhenkrankeit meldet sich!

Als unser Führer, zurück im Bus, auch noch ankündigt wir würden nochmal mehr als 800 Meter steigen, entsinne ich mich meiner Kokablätter. Schnell ziehe ich etwa 10 Stück von ihnen aus dem Beutel, falte sie zusammen und stecke sie in meine Wangentasche. Es entfaltet sich ein Geschmack der an grünen Tee erinnert. Ich kämpfe mit dem Brechreiz, nicht wissend, dass mir das schlimmste noch bevorsteht, die Abfahrt in die Tiefebene.
Als der höchste Punkt erreicht ist und der Bus für ein paar Fotos anhält, bleibe ich im Bus. Ich versuche zu schlafen, aber Kokablätter lindern nicht nur die Beschwerden der Höhenkrankeit, sondern halten auch zusätzlich wach.
Der Weg nach unten führt über eine wilde Serpentinenstraße und unser Fahrer gibt Gas. Mein Magen krampft sich zusammen, mit jeder Serpentine merke ich, wie der Druck auf meinen Körper und Magen zunimmt. Noch nie in meinem Leben habe ich mich elender gefühlt. Ich schließe meine Augen und schlafe tatsächlich ein. Nur einmal werde ich kurz wach, als der Wagen abrupt abbremst. Vor uns steht eine Kolonne von Tankwagen, die Butangas geladen haben und einer von ihnen ist an einer Serpentine umgestürzt. Mir entfährt nur ein "oh, shit" und ich frage mich wie man den, in dieser Höhe und auf dieser engen Straße, jemals bergen will und schlafe wieder ein.

Als ich erneut aufwache, sind meine Beschwerden fast verschwunden. Wir halten ein letztes Mal in dem Ort Purmamarca (2300 m), der Zwischenstation für Rucksackreisende nach Bolivien. Entsprechend bunt geht es hier zu: Auf einem Straßenmarkt werden Wollwaren verkauft, zahlreiche Hostels bieten billige Unterkünkte an und es ist voll mit jungen Menschen. Die meisten von ihnen zwischen 18 und 20 Jahren alt. Auf der Plaza haben sie sich versammelt, einige spielen Girarre und singen Volkslieder dazu. Ein Windstoß wirbelt Staub auf und treibt eine Plastiktüte vor sich her, trägt sie nach oben und lässt sie in Kreisen auf den Boden zurück sinken. Es sieht fast so aus. als ob sie, von der puren Lebensfreude der jungen Leute angesteckt, nach der Musik tanzt.
Die Szenerie erinnert mich an meine Interrail-Reisen, als ich in diesem Alter war und ich denke wehmütig an die Zeit zurück. Heute ist mein Neffe in dem Alter und zufällig hat er heute Geburtstag. Lieber Blaus, alles Gute zum Geburtstag. Du bist eine Bereicherung unseres Lebens - das muss doch mal gesagt werden!

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Oh backe, - das klingt ja nicht sehr gemütlich... Ich frage mich auch gerade, ob es die "Attraktionen" dieser Tagestour dann überhaupt wert waren, Dich so zu quälen... Erinnert mich an den Hinflug nach Las Vegas im Frühjahr vergangenen Jahres, wo ich schon Tage vor der Abreise aus lauter Nervosität und Anspannung über weite Strecken schlaflos blieb, dann am Tag davor mir noch einen Virus einfing und den gesamten Hinflug über zu "Intestinal-Aerobic" gezwungen war, um nicht meinen Sitz vollzuspeien.... War auch kein großer Spaß.
Schöner Geburtstagsgruß am Schluß, da wird sich der Blaus aber freuen! :)

Wolfram hat gesagt…

Der Ausflug war es auf jeden Fall wert, auch wenn es anders natuerlich schoener gewesen waere.
Jetzt weiss ich wenigstens, dass grosse Hoehe nichts fuer mich ist und muss gar nicht mehr versuchen die hoehere Berge zu besteigen.

Der Hammer war uebrigens, dass wir auf dem Hochplateau auch eine Gruppe Mountaibiker ueberholt haben, die voellig fertig am Strassenrand Pause machten. Was fuer eine Moerderanstrengung ist das denn bitte?

Heute war dann auch erst mal Ruhetag angesagt. Morgen gehts dann wieder los!