Sonntag, 15. Januar 2012

Die Erde kocht



Um 3:30 reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Erst 4 Stunden zuvor war ich ins Bett gegangen. Es ist noch kühl als ich mit Davide, einem Italiener, der mich in den letzten Tagen begleitet hat, vor dem Hotel auf unseren Fahrer warte. Die Temperaturen fallen Nachts stark ab. Tagsüber kommt man auf um die 34°C, nachts fällt das Thermometer auf 5°C, es fühlt sich aber durch die extreme Trockenheit aber wärmer an.
Wir wurden ermahnt uns warm anzuziehen, denn unser Ausflug führt uns auf 4320 Meter Höhe, zum höchstgelegenen geothermischen Feld der Erde, den Geysiren von Tatio, wo wir noch vor Sonnenaufgang ankommen sollen.
Ein paar verschlafene Mitreisende werden noch in verschiedenen Hotels eingesammelt und dann verlassen wir San Pedro in Richtung Norden. Die Straßen, eigentlich Staubpisten, die sich kaum von ihrer Umgebung unterscheiden, sind extrem schlecht. Einmal setzt unser Bus auf einer Bodenwelle auf und kommt erst nach mehreren Versuchen der Vor- und Zurückfahrens wieder frei. Manche der Autos, die zum Touristentransport dienen, halten bei diesen Straßenverhältnissen nicht länger als ein Jahr, bis sie schrottreif sind, erzählt mir unser Fahrer bei einer Pause.

Neben mir sitzen zwei Brasilianerinnen aus Salvador da Bahia. Die kälteste jemals gemessene Temperatur dort waren, während eines Kälteeinbruchs, 20°C. Beide tragen ein T-Shirt und eine dicke Strickjacke. Für Brasilianer eine polartaugliche Ausrüstung. Schon während der Fahrt im Bus fangen sie an zu frieren. Für die 80 Kilometer brauchen wir zweieinhalb Stunden.
Als sich die Türen öffnen erwarten uns -5°C, bis zum Sonnenaufgang, etwa einer Stunde später, wird die Temperatur noch auf -8°C sinken.
Schon in der Dunkelheit kann man ein Feld von Geysiren erkennen, das Gurgeln des kochenden Wassers hören und den schwefligen Geruch wahrnehmen.
Unser Fahrer klärt uns auf, warum wir so früh vor Ort sind. Tagsüber wird es so hell und warm, dass man die Geysire kaum noch sehen kann. Bei den Temperaturen, die wir jetzt haben steigen die Dampfsäulen der größten Geysire etwa einhundert Meter in die kalte Morgenluft.

Die beiden Brasilianerinnen frieren unglaublich. Selbst für mich fühlt sich der frühe Morgen kälter als -5°C an. Eine der beiden hat sich ihr Halstuch so um den Kopf gebunden, dass nur noch die Augen rausschauen. Ich hänsle sie damit, dass sie aussieht als trüge sie eine Gurkha und nenne sie nur noch die Afghanin.



Bei der Höhe machen die kleinsten Aktivitäten Mühe. Ich kann mich nur in Zeitlupe bewegen und habe trotzdem einen Puls von 140. Alle Fahrer haben hier Sauerstoff dabei um Höhenkranke sofort versorgen zu können.

Es ist eine komplett unwirkliche Stimmung, als die Sonne aufgeht und die verschneiten Gipfel der umliegenden Berge in zarte Pastellfarben taucht.

In einem der Becken kann man, wenn man möchte, baden gehen. Ich möchte nicht, denn ich habe keine Lust bei den herrschenden Temperaturen aus dem körperwarmen Wasser zu steigen und mich im Freien abtrocknen und anziehen zu müssen.

Neben der Höhe macht mir in San Pedro am meisten die trockene Luft zu schaffen. Meine Nasenschleimhäute sind so trocken, dass ich sie versuche mit Handcreme einigermaßen feucht zu halten. Viel Erfolg habe ich damit nicht. Das Atmen fällt schwer.

Der Ausflug nach Chile, der morgen zu Ende geht, war sicherlich ein Highlight meiner Reise. Noch nie habe ich so eine bizarre Landschaft, so unglaubliche Farben und eine solche Vielfalt wild lebender, exotischer Tiere gesehen. Vielleicht wird das die beste Reise meines Lebens.

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

"... die beste Reise meines Lebens." Klingt so, als hätte das auch "my cup of tea" sein können. Als ich während unserer Hochzeitsreise 1997 das erste Mal eine Wüste sah und mich in ihr aufhielt, war ich sofort fasziniert! Obwohl ich relativierend sagen muss, dass ich die unglaubliche Hitze im Death Valley in Nevada als sehr bedrückend und irgendwie auch furchterregend empfand. Ähnlich extrem hören sich die Konditionen an, die Du hier schilderst. Die armen Brasilianerinnen tun mir leid, wenn man sich vorstellt, wie die stundenlang gefroren haben müssen. Wussten die nicht, dass warme Kleidung angesagt war? Oder dachten sie, sie wüssten's besser? *Kopfschütteln*

Danke nochmal für das sagenhafte Wüstenbild vom Sonnenuntergang! Ist ganz meine "Kragenweite", genau! :)

Wolfram hat gesagt…

Für jemanden der's nicht anders kennt, ist halt 'ne dicke Strickjacke das non plus Ultra :)
Die haben im Bus neben mir vor Kälte gestöhnt, als bekämen sie gerade ein Kind in Steißlage.