Donnerstag, 5. Januar 2012

Der erste Tango

Teatro Colon, Buenos Aires

Das Teatro Colon verschliss drei Architekten, bis es im Jahr 1910 seine Pforten zum ersten Mal öffnete. Der erste war schon totkrank als er die Arbeit aufnahm und verstarb 44 jährig. Der zweite, ebenso wie sein Vorgänger Italiener, wurde bei einem Heimaturlaub vom Liebhaber seiner Frau erschossen, als er diese inflagranti erwischte. Auch er wurde nur 44 Jahre alt. Der letzte, ein Franzose, brache das Werk zu Ende. Soweit ich weiß starb er eines natürlichen Todes.
Den drei Baumeistern ist geschuldet, dass das Theater nicht ganz stilrein ist. Am meisten hat der französiche Architekt den Bau beeinflusst. So sieht der Salon aus wie eine Miniausgabe eines Saales aus dem Schloss von Versailles. Früher nur den Reichen vorbehalten, die dort vor den Vorstellungen Kontakte knüpften und unter ihresgleichen sein konnten, finden dort heute Kammerkonzerte sowie die Castings für die zukünftigen Künstler des Hauses statt.
Noch während der Bauphase wurde Kritik an dem Gebäude laut. Es war zu verspielt und detailverliebt. Der Architekt fügte also einige „deutsche Elemente“ ein um die Kritiker zu besänftigen, wie unser Führer erzählt.
Der Innenraum ist atemberaubend schön. Insgesamt 6 Gallerien mit diversen Logen und Séparées bieten von überall idealen Blick auf die Bühne. Der Boden des Zuschauerraums weist ein Gefälle von 6% auf, für Bälle kann man ihn jedoch auf 0% anheben.
Von der Akustik des Saales zählt das Colon zu den besten Opernhäusern der Welt. Luciano Pavarotti sagte einmal in einem Interview, nur das Opernhaus in Wien klänge noch besser.
Jedes noch so kleine Detail kann die Akustik eines Saales verändern. Während der Renovierungsarbeiten wollte man kleine bronzene Gitter, die unter den Stuhlreihen angebracht sind, um die Kühlschächte im Saal zu verschließen, durch neue ersetzten. Diese Maßnahme veränderte die Saalakustik derart, dass man sich entschied, die alten Gitter wieder einzusetzen.
Unter den Logen, sozusagen im Souterrain des Saales befinden sich vergitterte Séparées. Die sogenannte Witwenlogen waren Damen in der Trauerzeit vorbehalten. Diese durften, so war es Tradition, zwei Jahre nach dem Ableben ihrer Gatten nicht öffentlich auftreten. Durch diesen kleinen Trick konnten sie trotzdem am kulturellen Leben weiterhin teilhaben.

Colorful Buenos Aires

Der Stadtteil La Boca, dort wo die Unterschicht, die Ärmsten der Armen, einst lebten, ist heute der komplette Touristennepp.
Bekanntgeworden durch die bunt bemalten Wellblechfassaden seiner Häuser, zog er bald Touristen an und mit ihnen die Souvenirindustrie.
Vom einstigen Charme ist nichts mehr geblieben. Zwar sind manche der Häuser noch von Menschen bewohnt, die sicherlich nicht zur Oberschicht zählen, jedoch ziehen durch den Caminito Horden von Besuchern aus aller Welt und überteuerte Cafés und hunderte von Andenkenhändler versuchen ihnen in der kurzen Gasse möglichst viel Geld abzunehmen.
Trotzdem komme ich immer wieder her. In meiner Phantasie kann ich den Touristenrummel ausblenden und sehe die Strasse vor mir, wie sie früher einmal gewesen sein muss.
Hier in La Boca, genauer gesagt in einer der Spelunken in der Calle Neochea, wurde der Tango erfunden. Mein Reiseführer warnt davor diese Strasse alleine aufzusuchen, denn ein sicherer Stadtteil ist La Boca nicht. Ich bitte also den Taxifahrer mich auf dem Rückweg dort durchzufahren und er zeigt mir aus dem fahrenden Wagen heraus, wo man einst den ersten Tango getanzt hat.

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Me gusta! *Applaus* (Mit der "Witwenloge" würde ich mich hierzulande auch zufriedengeben, wenn ich dadurch wieder öfter am kulturellen Leben teilnehmen könnte. Na ja... neues Jahr, ein weiterer Versuch :))

Wolfram hat gesagt…

Nur Männer mussten gar nicht in die Witwenloge. Die durften gleich wieder ins volle Leben eintauchen.
Gerüchten zufolge wurden die Witwenlogen nicht nur von Witwen besucht, beziehungsweise nicht von ihnen alleine. Die Logen waren dunkel und von außen fast nicht einsehbar. So manch einer wurde dort über ihre Trauer wohl "hinweggeholfen".

renovatio hat gesagt…

Das Programm klingt nach meinem Nachbarn, dem unerschütterlichen, selbstlosen Tröster alle übriggebliebenen Damen dieser Welt (LOL). Bei der Vorstellung von der "Besetzung" der Witwenlogen bekommt der Ausdruck "Drama in drei Akten" eine ganz neue Bedeutung... ;)