Montag, 24. Januar 2011

Hinter Gittern

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Mit 4 Jahren konnten Kinder im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts bereits zu Arbeiten im Bergbau oder zum Reinigen von Schornsteinen herangezogen werden, mit 7 Jahren war man strafrechtlich Erwachsenen gleichgestellt und ab einem Alter von 9 Jahren konnte man deportiert werden.
Die meisten der Kinder, die nach Tasmanien deportiert wurden, landeten über kurz oder lang in Port Arthur, weil man sie sonst nicht produktiv einsetzten konnte.
Man hatte ein eigenes Jugendgefängnis für sie auf einer Insel, nicht weit vom Festland, errichtet: Puer Island.
Aber das war nur ein kleiner Teil der Gefängnisanlage, die, heute zum Teil in Ruinen, dem Besucher offen steht.
Port Arthur war sozusagen Gefängnis im Gefängnis, da fast alle Insassen ja bereits wegen anderer Delikte zur Verbannung nach Australien geschickt worden waren.

Es herrschte Zucht und Ordnung, man versuchte die Gefangenen mit Arbeit und Gottesfurcht wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Manch einer hat den Versuch nicht überlebt.
Für alle, die sich hier etwas zu Schulden kommen ließen, gab es drakonische Strafen. Die Züchtigung mit der neunschwänzigen Katze war eine davon. Der Deliquent wurde mit den Armen an einer Vorrichtung im Gefängnishof aufgehängt, die heute dort noch zu sehen ist, und dann ausgepeitscht.
Die Strafen lagen zwischen 25 und 100 Hieben mit dem Folterinstrument. Um es noch schmerzhafter zu machen, legte man die Peitsche in Meerwasser und ließ sie dann trocknen. Die getrockneten Salzkristalle taten ein Übriges. Wurde einer der Männer während der Bestrafung ohnmächtig, so wurde er in ein Becken mit kaltem Meerwasser geworfen, so dass er wieder zu sich kam, dann wurde die Bestrafung fortgeführt.
Der Insasse mit den meisten Peitschenhieben, war ein politischer Gefangener aus Irland, dessen Namen ich vergessen habe. Während der Verbüßung seiner Strafe bekam er auf insgesamt 3000 Peitschenhiebe. Sein Rücken, so wird überliefert, war so vernarbt, das er bei den ersten 100 Schlägen nicht ein Laut des Schmerzes von sich gab.

Aber man versuchte die Gefangenen nicht nur durch Züchtigung zu läutern. Zum ersten Mal kam man auf die Idee, Insassen durch Einzel- und Dunkelhaft gefügig zu machen.
Der Zellentrakt dieses Teils der Anstalt ist restauriert worden und kann besichtigt werden. Die Einzelhaft verbrachte jeder Gefangene in einer kleinen Zelle, geschlafen wurde in einer Hängematte, die um 6 Uhr aus der Zelle entfernt wurde um Platz für Arbeitsgerät zu schaffen. 10 Stunden täglich wurde in den Zellen gearbeitet, die Wärter kontrollierten alle 30 Minuten. Jeder Gefangene bekam eine Nummer und wurde nur noch mit dieser angesprochen. Das Reden, Pfeifen und alle körperlichen Ertüchtigungen waren den Gefangenen verboten. Wenn sie mit den Wärtern kommunizieren wollten, mussten sie dies schriftlich, mittels einer Schiefertafel tun.
Eine Stunde am Tag war Hofgang. In dieser Stunde musste der Gefangene eine Stoffsack über dem Kopf tragen.
Wenn man diesen Teil des Gefängnisses betritt, ertönen aus einem Lautsprecher Befehle, wie sie auch die Gefangenen zu hören bekamen, man hört das Schließgeräusch der Tore hinter einem. Alles ist sehr realistisch.
Auch den Trakt mit den Dunkelzellen kann man betreten und selbst ausprobieren. Eine Schleuse aus 3 Toren, die niemals gleichzeitig geöffnet wurden, sorgte dafür, dass der Gefangene kein Tageslicht zu sehen bekam. Auch hier galt strenges Redeverbot und zusätzlich trugen die Gefangenen Schuhe mit Sohlen aus Binsen, die keine Schrittgeräusche verursachten. Die Mahlzeiten, buchstäblich nur Wasser und Brot, wurden unregelmäßig gebracht um das Zeitgefühl der Männer zu verwirren. Geschlafen wurde auf dem Steinboden, mit nur einer Decke.
Man kann eine solche Zelle betreten und die Tür schließen. Um einen herum ist nur tiefstes Schwarz. Ich versuche die Ausmaße der Zelle durch Tasten zu ermitteln, setze mich kurz auf den Boden und versuche zu erfahren, wie es sich anfühlen musste, hier eingesperrt zu sein.
Nach 2 Minuten verlasse ich den Raum wieder erleichtert. Die Mindeststrafe damals betrug 3 Tage.

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Die Landschaft, in der dieses Gefängnis liegt, steht dazu im krassen Gegensatz. Man kommt an malerischen Stränden mit kristallklarem Wasser vorbei.
An dem schönsten Strand halte ich an und gehe runter zum Meer. Er ist menschenleer, nur 3 Mädchen und ein kleiner Hund sind außer mir hier. Die Mädchen tragen Neoprenanzüge, denn ohne diese wäre das Schwimmen im Meer einfach zu kalt. Als sie aus dem Wasser kommen, frage ich eine von ihnen wie viel Grad das Wasser hat. Am Anfang, so sagt sie, ist es ziemlich kalt, aber man gewöhnt sich schnell daran und dann ist es herrlich.

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Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Es wird mir zeitlebens ein Rätsel bleiben, warum wir Menschen zu solchen Grausamkeiten gegeneinander neigen. Ich gebe mich keineswegs der Illusion hin, mit meinem eigenen Verhalten schon häufig sehr verletzend gewesen zu sein. Aber offenkundiger, absichtlicher Grausamkeiten versuche ich mich zu enthalten und sehe auch keinerlei Grund oder Sinn drin, diese anderen anztun. Insofern liest sich für mich die Schilderung dieses Strafvollzugs wirklich furchterregend und grausam. Ich denke, alles, was die Grundbedürfnisse von Menschen einschränkt oder ihnen deren Erfüllung verwehrt, ist Folter und ein Frontalangriff auf die Menschenwürde, die für mich erstmal jeder verdient hat.

Mutig, dass Du Dich in die Dunkelzelle begeben hast. Wüsste nicht, ob ich mich dazu durchgerungen hätte. Mir reichte schon das Verriegeln der Türen auf Alcatraz damals, um mich einigermaßen aus der Ruhe zu bringen. Und dann noch vollständige Dunkelheit? Schauder!

Umso besser, dass Du diesen Eindrücke mit dem Strandbesuch ein wirksames Gegengewicht setzen konntest.

renovatio hat gesagt…

... da waren ein paar Schreibfehler bzw. Flüchtigkeitsunterlassungen drin.

" Grausamkeiten gegenüber einander" und "mit meinem eigenen Verhalten NICHT schon..."

Wolfram hat gesagt…

Wenn man sich vorstellt, wer in den damaligen Zeiten den Job annahm, ein Gefängnis, in einem acht Monatsreisen entfernten Land zu führen, hat man zumindest schon einen Teil der Antwort. Die Aufseher und die Leitung waren Sadisten, oder, mit anderen Worten krank.

Ich konnte hier längst nicht alles beschreiben, was ich gesehen habe.
Zum Beispiel hat man beim Betreten der Anlage eine Identität eines, damals wirklich existierenden Gefangenen, erhalten und konnte dann in einem Museum seinen ganzen Leidensweg mitverfolgen, von der Verurteilung, über die Deportation, bis zum Alltag im Gefängnis. Wirklich gut gemacht.

Ich bin erst in die Dunkelzelle gegangen, als ich mich versichert habe, dass der Riegel der Tür nicht betätigt werden kann (konnte er nicht - war angeschraubt). Nicht dass irgendein Spassvogel auf die Idee kommt zuzusperren und dann abzuhauen.

Zum Thema Geister hatten ein paar Besucher Fotos ihres Aufenthalts geschickt, die angeblich Geister zeigten. Auf einem waren zwei Kinder und im Hintergrund der angebliche Geist, der eine Basecap aufhatte. Auf dem anderen irgendeine Frau, von der der Fotograf behauptete, er hätte sie ganz anders aufgenommen (nämlich in der Mitte des Fotos) und eine Lichtreflektion. Zweifellos treiben Geister dort ihr Unwesen :)

renovatio hat gesagt…

Ein Geist mit Basecap - *kopfschüttel*. Unschwer zu erraten, welcher Nationalität die Fotografen waren, die das Foto machten... :)

Hm... hier ist 'ne Idee für die Beendigung meiner Finanzkrise: Ich setz mir 'ne Basecap auf und posiere als Geistermodel in Port Arthur. "Ihr Bild auf einer Kappe, ihr Bild auf einer Kappe!" LOL ;)

renovatio hat gesagt…

... und in den Fotografie-Pausen eröffne ich einen Sandwich-Laden, gleich draußen vor den Toren des Gefängnismuseums. Das "Sandwich" der Woche diesmal: Der "Ghost-Burger" LOL.