Samstag, 10. Januar 2009

Gesichter Thailands

Mother and son
Ich mag die Auswüchse des Massentourismus nicht, habe immer über Touristen den Kopf geschüttlet, die sich mit Bussen von einer Sehenswürdigkeit zur anderen fahren lassen um dort auszusteigen, alles ohne Rücksicht auf die Tabus und Befindlichkeiten der Einheimischen zu fotografieren, um dann so schnell zu verschwinden wie sie gekommen sind.
Deshalb habe ich mich nicht wohlgefühlt, als ich gestern einen Ausflug gebucht habe, der verspricht die Dörfer von fünf ethnischen Minderheiten in den Bergen zu besuchen und obendrein noch eine Tropfsteinhöhle und eine Orchideenfarm. Massentourismus in Reinkultur, aber bei sich selber legt man ja bekanntlich nicht ganz so hohe Maßstäbe an, wie bei anderen.

Bei der Abfahrt werden wir von unserer Führerin gebrieft, wie wir uns beim Umgang mit den Bewohnern der Dörfer, die wir besuchen werden, verhalten sollen. Wir dürfen fotografieren, wenn wir vorher um Erlaubnis fragen, sollten aber kein Geld dafür bezahlen. Wenn wir den Menschen helfen möchten sollen wir etwas von dem kaufen, was sie selber herstellen, in den meisten Fällen Kunsthandwerk.
So vorbereitet geht es in Richtung der Berge. Ein kleiner Halt noch an einer Orchideenfarm, um sich mit Getränken zu versorgen und nochmal auf die Toilette zu gehen.
Auf der Fahrt ins erste Dorf gibt es dann einen kleinen Crashkurs in der Sprachen der jeweiligen Ethnien, die wir besuchen werden. Zumindest bedanken sollte man sich in der jeweiligen Sprache können und so seinen Respekt gegenüber den Dorfbewohnern bekunden. Außerdem lernen wir etwas über die Umstände, die die Menschen hier hergebracht haben und darüber was die Kleidung über den jeweiligen Träger aussagt.
Bei den "White Kareen" zum Beispiel tragen alle nicht verheirateten Frauen weiße Kleidung. Hier muss die Braut dem Bräutigam eine Mitgift zahlen und die beträgt immerhin 5000 Baht, also umgerechnet 100 Euro. Viel Geld für jemanden, der kein festes Einkommen hat und nur von dem lebt, was der Acker hergibt.
Bei anderen Stämmen reicht es schon aus, sich neben die Erwählte zu setzen oder sie zu berühren um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sollte man aus Versehen die falsche Frau berührt haben, kann man sich jedoch frei kaufen. Tut man es nicht bedeutet das Unglück für die Familie. Eine Flasche Whiskey ist ein angemessener Betrag für diesen Fall. Das nenne ich ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Mother and sons

Das erste Dorf, das wir besuchen macht auf mich einen ganz passablen Eindruck. Die Häuser sind einfach und aus Holz, die Frauen gegrüßen uns freundlich und laden uns ein, die traditionellen Textilien anzuschauen, die sie selber im Dorf weben, während die Männer sich im Hintergrund halten und uns argwöhnisch betrachten.
Jedes Dorf, das wir von nun an besuchen ist ärmer und schmutziger. In einem Dorf hält eine alte Dame zwei Affen, eine Jungtier und ein ausgewachsenes Exemplar, wahrscheinlich um sie als Erntehelfer bei der Ernte von Kokosnüssen zu beschäftigen. Der kleine Affe ist zutraulich und springt sofort auf mich, um sich dann auf dem Kopf einer Mitreisenden niederzulassen und sich in ihren Haaren festzuhalten. Der größere Affe ist angekettet und wir werden ermahnt ihm nicht zu nahe zu kommen, denn er beisst und kratzt die Touristen gerne. Einmal hätte er mich fast erwischt als ich unachstamerweise mit dem Babyaffen gespielt habe.
Die Besitzerin verkauft Bananen und ich kaufe ihr eine Tüte voll ab und werfe eine davon dem großen Affen zu, der sie mit akrobatischem Geschick fängt und sofor in sich hineinstopft um dann die nächste zu fordern. Insgesamt drei Früchte werfe ich ihm zu, die er alle in Windeseile verputzt und in einer Art Kropf zwischenlagert.

Longear Lady Longneck Lady

Der Höhepunkt der Exkursion ist am Ende des Tages geplant. Ein Besuch bei den "longneck" und "longear", also den Langhals und -ohrfrauen, die ein winziges Dorf an einer sehr abgelegenen Stelle in den Bergen bewohnen. Die sind erst vor etwa 15 Jahren aus Birma geflüchtet und leben seit dem halblegal in Thailand. Es ist ihnen nicht gestattet ihr Dorf für längere Zeit zu verlassen, nur kurze Einkaufsfahrten und Arztbesuche sind erlaubt.
Die Ringe um den Hals der Frauen ist in Wirklichkeit eine Spirale, die um den Hals gewickelt wird. Ein Mädchen bekommt im Alter von 5 Jahren ihren ersten Halsschmuck und er wird im Laufe eines Lebens etwa vier Mal ersetzt.
Seinen Ursprung hatte der Halsreifen in der Zeit, als es noch viele Tiger in Birma gab und der massive Metallschmuck vor Bissen in die Kehle schützte. Frauen waren ein zu wertvolles Gut, um sie zu verlieren. Heute hat er nur noch ästhetischen Wert, denn die Frau mit dem längsten Hals gilt als die schönste im Dorf.
Unsere Führerin räumt gleich mit zwei Mythen auf, denen ich bislang aufgesessen war: Der Halsschmuck wiegt zwischen 5 und 5 1/2 Kilo und streckt nicht den Hals, wie ich immer gedacht habe, sondern drückt durch sein Gewicht das Schlüsselbein und die Nackenmuskulatur nach unten. Außerdem stimmt es nicht, dass die Halsmuskulatur der Frauen durch das permanente Tragen der Ringe derart zurückgebildet ist, dass ihr Genick brechen würde, wenn man ihnen ihr metallenes Korsett entfernt. Ich konnte Fotos der im Dorf lebenden Frauen sehen, die sie ohne ihren Halsschmuck zeigte und sie erfreuten sich bester Gesundheit.

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Ha! Ich lach' mich gleich schlapp: 'Ne Berührung als "Heiratsantrag", super! Nicht dieses monatelange Rumgeeier, 'n Haufen Kohle ausgeben, einen riesen Tanz veranstalten, um sich dann womöglich noch 'ne Abfuhr einzufangen... Und wenn man sich's nochmal anders überlegt, kommt man mit 'ner Flasche Whiskey aus der Nummer raus - einsame Spitze! Ich werde entweder noch zum Islam wechseln müssen oder bei einem Naturvolk leben, dann kann auch ich's mir möglicherweise nochmal mit 'ner Frau vorstellen. LOL Andererseits? Wieso...? :D

Wolfram hat gesagt…

Genau das gleiche dachte ich auch, als ich die Geschichte hörte! Hat schon was für sich, die Welt der Natürvölker!

renovatio hat gesagt…

... zumindest für Männer - da schneidet man meistens nicht schlecht ab LOL

Fuddl hat gesagt…

Hallo, Wolfram, das ist ja eine richtige Expedition! Peter hat laut gelacht, als ich ihm von den Heiratssitten vorgelesen habe.Aber es gibt ja Rücktrittsgelegenheiten! Überhaupt: wir sind fasziniert! Weiter noch viele solch auf- und anregende Erlebnisse! Fuddl und Peter

Wolfram hat gesagt…

Freue mich, dass ich mit meinen Erlebnissen zu Peters Belustigung beitragen konnte.
Ich habe hier schon so viel erlebt, dass ich morgen mal einen Tag Pause einlegen muss, um mir ein bisschen Zeit zu geben, das Erlebte auch wirklich zu verarbeiten. Ein toller Urlaub bisher!

renovatio hat gesagt…

Ich finde, Du könntest eigentlich ein bißchen Kulturtransfer betreiben und die Nummer von der Rücktrittsgelegenheit hierzulande etwas bekannter machen ;-) Statt Verlobungsring gibt es künftig einen "Eheversprechen-Gutschein" mit einer festen Frist und Laufzeit, von dem beide innerhalb der vereinbarten Frist ohne Strafzölle zurücktreten können. Alternativ die Flasche Whiskey, die aber - als heimische Variante - von der Verschmähten zu zahlen ist, nach dem Motto "vielleicht kannst Du ja noch einen Versuch unternehmen, mich doch nochmal schönzusaufen..."? Na? ;-)

Wolfram hat gesagt…

Haaaa, Wern!