Montag, 12. Januar 2009

Der Flug des Gibbon

Wie ein Affe durch die Luft fliegen, in luftiger Höhe von Baum zu Baum schwingen, ohne dabei den Boden nur ein einziges Mal zu berühren, wer hätte davon nicht schon gertäumt? Hier, im nördlichen Thailand, gibt es eine einmalige Anlage, mitten im dichten Urwald, die einem genau das ermöglicht. Man hat auf die höchsten Urwaldriesen, Bäume mit einem Alter von 500 bis 600 Jahren, Plattformen gebaut und diese mit Stahlseilen verbunden, an denen man, in Bergsteigergeschirr hängend, fast wie ein Vogel fliegend und beinahe lautlos von einer zur anderen gleiten kann. "The flight of the Gibbon", der Flug des Gibbon, hat sich der Veranstalter folgerichtig genannt.
Überall in der Stadt wird für diesen Ausflug auf Flugblättern und Plakaten geworben und gleich beim Anblick des ersten Plakats wusste ich: das lasse ich mir nicht entgehen!

Die Fahrt führt hinaus aus der Stadt und bald wird die Straße schmal, holprig und kurvig. Immer weiter windet sie sich in den Dschungel hinein und bald sieht man keine Häuser mehr sondern nur noch eine grüne Wand, links und rechts der Straße. Nur zwei Mal kommen wir durch kleine Dörfer. Mir gefallen die Holzhäuser, mit den für Thailand typischen spitzen Gibeln und den verwinkelten Dächern, die die Menschen sich hier gebaut haben. In einem Dorf kämpfen zwei Hähne miteinander. Kein organisierter Kampf, sondern eher eine spontane Rauferei unter Halbstarken. Unser Fahrer stoppt sofort den Minibus, ruft freudig "chicken boxing" und springt aus dem Fahrzeug um sich den Kampf anzusehen. Das lässt sich kein Thai entgehen!
Der Kampf ist genau so schnell vorbei wie er begonnen hat und wir können unsere Fahrt fortsetzen.
Unsere Basis ist genau so ein kleines Dorf, wie das in dem wir gerade noch Zeuge der Streiterei zweier Vögel wurden. Nicht mehr als 10 Holzhäuser in dem gleichen Stil und eines davon ist die Basis von "The flight of the Gibbon". Jedem von uns wird ein Bergsteigergeschirr angepasst, unsere Guides für den Ausflug vorgestellt und schon geht's raus in den Urwald. Bald stehen wir vor der ersten Plattform und nun folgt ein Sicherheitsbriefing. Jeder Teilnehmer hat, neben seinem Gurtzeug, auch noch ein Stück Bambus an einer Schlaufe bekommen, das die Form eines V hat. Spaßeshalber sagt man uns erst, es wäre eine Waffe zur Verteidigung gegen Affen, aber jetzt erfahren wir die wahre Funktion. Es dient bei besonders rasenten Fahrten als Bremse und soll über das Drahtseil gehalten und auf Kommando nach unten gezogen werden um die Fahrt zu verlangsamen. Wichtig ist dabei nicht zu früh zu bremsen um nicht in der Mitte der Strecke hängen zu bleiben, aber auch nicht zu spät, denn sonst könnte man Personen, die bereits auf der Platform warten, in voller Fahrt herunterstoßen. Zwar sind alle mit Sicherungsleinen gesichert, aber die sehr sicherheitsbewussten Guides wollen alle Verletzungen vermeiden.
Manche der insgesamt 15 Platformen liegen untereinander und wir müssen uns von der oberen zur unteren freihängend abseilen, andere sind mit schwankenden Hängebrücken miteinander verbunden.

Canopy

Als ich die erste Plattform sehe wird mir schon ein wenig mulmig, dabei ist die nur zum warm werden. Die nächste hat es schon mehr in sich! Etwa 70 - 80 Meter mißt der Abstand zwischen beiden, unter uns etwa 100 Meter tiefe Leere und die Fahrt wird "high speed" wie sich unser Führer ausdrückt. Hier kommt zum ersten Mal die Bremse zur Anwendung. Immer einer der beiden Führer fährt voraus, um die Ankommenden zu sichern und einer der Führer bleibt als letzter um sicherzustellen, dass alle Teilnehmer richtig mit dem Seil verbunden sind.
Die Beschleunigung ist unerwartet schnell auf und der Adrenalinkick, den man beim ersten Mal bekommt, ist enorm. Noch ist man zu sehr mit sich beschäftigt und kann die grandiose Natur unter und rings um einen herum noch nicht genießen, aber das ändert sich nach der dritten oder vierten Fahrt.
Man fühlt sich wirklich wie ein Vogel oder ein Affe, der in den Wipfeln dieser uralten Bäume sitzt und die ungewohnte Aussicht auf den dichten Urwald hat. Es ist ganz Still hier oben und die Plattformen schwanken mit den Bäumen hin und her. Mich überkommt ein großes Glücksgefühl.

Going down

Nach 2 Kilometern durch die Luft Gleiten, an der letzten Plattform angekommen, zeigt Mike uns eine Vorrichtung aus Bambus, die wie eine winzige Leiter aussieht an der die Sprossen links und rechts eines Holmes angebracht sind. Wir befinden uns in 80 Fuß, oder umgerechnet etwa 25 Metern Höhe. Mike erzählt uns, dass die Dorfbewohner schon immer auf die Bäume gestiegen sind um nach Honig zu suchen. Was wir hier sehen und was noch weiter hinaufführt, als wir uns jetzt befinden, ist die Klettervorrichtung, die sie dazu benutzen. Unglaublich!
Von hier aus werden wir uns jetzt abseilen. Einer nach dem Anderen wird mit dem Karabinerhaken an ein Seil gehängt und zu Boden gelassen. Als ich an der Reihe bin verkündet Mike, dass wir uns, der Abwechslung halber, von jetzt ab alle im "Spiderman Stil" abseilen werden und schon höre ich wie der Karabinerhaken auf meinem Rücken einklinkt. Ich möchte noch protestieren und anmerken, dass ich doch lieber in meinem Gurtzeug sitzend abgeseilt werden möchte, doch da häge ich schon, wie eine Spinne an ihrem Faden, und gleite schnell, Arme und Beine von mir gestreckt, am Rücken hängend der Erde entgegen.

Kommentare:

renovatio hat gesagt…

Das hört sich nach 'nem ganzen Eimer Adrenalin an, der einem da in die Blutbahn gekippt wird! Super Sache! Ich glaube, nachdem ich Deine Story gelesen habe, muß ich im Frühjahr mal diesen Hochseilgarten hier am Ammersee aufsuchen. Das wird zwar kaum vergleichbar sein, aber mir vielleicht wenigstens zu ein oder zwei Esslöffeln Adrenalin gereichen. Super Geschichte das!

Wolfram hat gesagt…

Hehehe, mein lieber Wern, ich musste während der Aktion auch mehrmals daran denken, was für ein Spaß es wäre Dich dabei zu haben.
War auf jeden Fall ganz mein Ding. Abenteuer mit Adrenalinkick (fast) ohne Gefahr.

Fuddl hat gesagt…

Hallo, Tarzan, weiter so!

Wolfram hat gesagt…

Hallo Fuddl, Dein Wunsch ist mir Befehl!

Wern, wenn Du in den Hochseilgarten gehts, sag' Bescheid. Wenn ich Zeit habe komme ich mit!

renovatio hat gesagt…

Ja logo gebe ich Bescheid!