Mittwoch, 11. April 2007

Mit Jan und Pipi in Sao Paulo

Ich bin froh, nach 12 Stunden Flug und der einstündigen Busfahrt in unser Hotel, endlich die Tür meines Zimmers hinter mir zugezogen zu haben. Endlich abschalten! Gerade habe ich mich für die Nacht in Boxershorts und T-Shirt umgezogen als es an der Tür klingelt und eine Stimme "Roomservice" ruft. Ich überlege noch, ob ich überhaupt antworten soll als es erneut klingelt. Ich öffne und vor mir steht ein freundlich lächelnder Hotelangestellter, der auf seinem angewinkelten Arm ein riesiges, silbernes Tablett trägt. "Eu nao pedi nada", versuche ich klarzustellen, dass ich gar keine Bestellung aufgegeben habe. Er lächelt immer noch und sagt, dass er ein Geschenk für mich habe und überreicht mir ein Schokoladenosterei von der Größe eines Kinderkopfes, in Klarsichtfolie verpackt und mit einer hübschen Samtschleife verschlossen. "Eu espero, que goste de chocolate" (Ich hoffe Sie mögen Schockolade), fragt er mich mit seinem Zahnpastalächeln und wünscht mir "bom descanso" - eine gute Nacht.
Ich freue mich über diese Aufmerksamkeit des Hotels und staune über die enorme Größe und das Gewicht meines Geschenkes. Später stellt sich heraus, dass das Gewicht von den Pralinen kommt, die im Inneren des Eis, sozusagen als Überraschung in der Überraschung, versteckt sind.

Am nächsten Morgen wache ich aus einem tiefen und traumlosen Schlaf auf und blicke auf einen wolkenverhangenen Himmel. Keine Stadt sieht bei Regen wirklich gut aus, aber Sao Paulo deprimiert besonders, mit seiner Beton-Asphalt Architektur. Noch regnet es nicht und außerdem ist es warm, also Frühstück auf der Terrasse der Bar "Upstairs", in der das Hyatt exklusiv für die vielen Lufthansa Crews, die das Hotel bewohnen, ein äußerst günstiges und sehr gutes Frühstücksbuffet aufgebaut hat. Man trifft hier immer Kollegen, die man vielleicht schon lange nicht mehr gesehen hat und kann bei netten Gesprächen und echtem brasilianischen "café com leite" stundenlang schlemmen. Was für eine nette Geste und was für ein nettes Hotel. Wir sind in Brasilien!
Später möchte ich mich mit meiner Freundin Andrea Nishiyama treffen, aber da sie, selbst Flugbegleiterin bei der braslilianischen Gesellschaft TAM, erst heute morgen aus London gekommen ist möchte ich ihr ein paar Stunden Ruhe gönnen. So beschließe ich zurück auf mein Zimmer zu gehen und in meinem Buch "In meinem kleinen Land" weiterzulesen. Ich nehme auf dem Ohrensessel am Fenster meines modern eingerichteten Zimmers platz und fange an zu lesen. Mittlerweile entläd sich das Gewitter, das schon den ganzen Morgen seine dunklen Wolken über uns geschickt hat mit heftigen Regengüssen. So muss man wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, die Zeit nicht draußen zu verbringen.
My current lecture
Jan Weilers "In meinem kleinen Land" ist das Geschenk meiner lieben Freundin und Kollegin Petra, der ich unlängst ein paar Tipps zur Vorbereitung auf die Bewerbung einer Purserstelle gegeben habe. Im Laufe dieses Abends in einem Münchner Cafés am Hofgarten redeten wir auch über Bücher, die uns in letzter Zeit besonders gefallen haben. Unabhängig voneinander hatten wir "Maria, ihm schmeckt's nicht" in unserer persönlichen Bestenliste. Mir hatte ein befreundeter Kollege das Buch mit dem Vermerk "unbedingt lesen" in mein Dienstpostfach gelegt, wo ich es fand, als ich auf eine 5 Tagestour ging. Unser erster Stopp dieser Tour war Madrid und ich fing abends in meinem Hotelbett an zu lesen. In den folgenden Stunden wurde ich mehrmals von so heftigen Lachattacken geschüttelt, dass ich schon befürchtete mein Zimmernachbar könnte sich über mich beschweren. Als ich meine Lektüre wieder aus der Hand legte war es bereits 6 Uhr morgens und das Buch ausgelesen.
Zwei Tage nach unserem Treffen fand ich ein Päckchen von Petra in meinem Briefkasten, darin zwei Bücher, eins davon "In meinem kleinen Land" von Jan Weiler, dem Autor von "Maria, ihm schmeckt's nicht" und eine Pippi Langstrumpf Karte, die mir jetzt als Lesezeichen dient. "Neun Monate Deutschland" überschreibt der Autor auf dem Klappentext, seine Erfahrungen einer Leserreise, die ihn in unzählige Städte und Städtchen unserer Republik geführt hat. Neun Monate Deutschland - das hört sich fast nach Gefängnisstrafe an ist jedoch eher eine humorvolle Liebeserklärung an unser Land und meine Lektüre für diesen regnerischen Ostersonntag.

Kommentare:

fartmeal hat gesagt…

Donnerwetter, das Grand Hyatt ist ja wohl der reinste Luxustempel! Da hatte Dein Pilot von neulich recht, als er meinte, ihr - d.h. Crew und Kabine - würdet eigentlich in einer Traumwelt leben. So ist es.
Das Design des Hotels und der übrigen Räume hat in meinen Augen übrigens eine ausgeprägt europäische Handschrift: Klare Linien, Reduktion auf's Wesentliche, viel Glas und damit Licht, edle Materialien, funktionale Anordnung des Mobiliars... Also wenn ich ständig in solchen Traumbehausungen logieren würde, könnte ich dem Gedanken "ständig auf Achse" auch noch 'was abgewinnen (nicht, dass es noch in Frage käme, aber...)

Wolfram hat gesagt…

Ja, das Hyatt mag ich auch sehr gerne. Unglaublich angenehme Angestellte, die einem jeden Wunsch von den Augen ablesen und denen kein Sonderwunsch zu viel ist.
Ich liebe diese klaren Formen, auf denen das Auge ruhen kann, kein unnötiger Schnickschnack... ähnlich habe ich es ja auch bei mir zu Hause probiert (natürlich mit weniger Erfolg).
Richtig, das ist genau das was der Kapitän meinte, als er sagte, das wir wie in einer virtuellen Luxuswelt leben, die sich eigentlich keiner von uns leisten könnte.