Mittwoch, 31. Januar 2007

"Listo"

Basilica Santo Domingo
Unter der Kuppel ist ein Netz gespannt. Es macht mich neugierig, ich vermute zunächst, das es ein Schutz gegen Vögel ist die durch die Fenster der Kuppel in die Kirche kommen. Erst als ich näher komme, kann ich den eigentlichen Grund erkennen, denn auf dem Netz liegen Bruchstücke des Deckenfreskos sowie einige größere Stücke des Stucks der Kuppel. Die Basilika Santo Domingo ist in einem erbärmlichen Zustand. Überall lösen sich großflächig die Fresken, es sind Risse zu erkennen, in die ich problemlos meine Hand stecken könnte. Was von außen nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist bestätig sich bei genauerem Hinsehen: Diese Kirche ist keine Ausnahme sondern die Regel. In all den Basilikas, Jesuitenmissionen und Kathedralen der Stadt sieht es aus, wie in ostdeutschen Städten vor der Wende. Sie sind nur noch mit Millionenaufwand zu retten oder werden die nächsten 50 Jahre nicht mehr überstehen.
In keinem Ort, in den mich meine Reise bislang geführt hat, ist der wirtschaftliche Niedergang des Landes besser dokumentiert, als hier in Cordoba. Viele der Kirchen wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt, aber die zur Verfügung gestellten Mittel haben entweder nicht ausgereicht um den Verfall zu stoppen, oder sind anderen "Projekten" zu Gute gekommen.
Ist die katholische Kirche nicht Eigentümer dieser Kulturdenkmäler und wäre sie nicht für deren Erhalt verantwortlich?
Ich verlasse die Kirche und setze meinen Erkundungsgang durch die Stadt fort. Die Straßen sind, wie fast überall in Argentinien, im Schachbrettmuster angelegt, jeweils Einbahnstraßen, und die Hausnummern sind nicht durchgängig, sondern steigen je Block auf den nächst höheren, vollen Hunderter (im ersten Block alle Nummern von 100 bis 1xx, im zweiten von 200 bis 2xx, usw.).
Verlässt man die historische Innenstadt wird Cordoba zu einer gesichtlosen Stadt. Das einzig auffällige ist, dass die meisten Apartmenthäuser aus roten Ziegeln gemauert sind, was mich stark an die spanische Hauptstadt Madrid erinnert und die vielen jungen Menschen auf den Straßen. Kaum jemand ist älter als ich.
Cordoba ist Bildungszentrum des Landes. Es gibt 7 Universitäten, die landesweit einen hervorragenden Ruf besitzen. Man merkt an den Buchläden und Geschäften, in der Nähe welcher Fakultät man sich gerade befindet. Geschäfte für Künstlerbedarf, Bücher über Kunstgeschichte in der Auslage der Buchhandlungen, hier muss ich wohl nahe der Fakultät der Schönen Künste sein. Zwei Blocks weiter dann anatomische Bücher, Geschäfte die sich auf Krankenhausbedarf spezialisiert haben, junge Menschen, die in blauen OP Uniformen auf dem Heimweg sind: die medizinische Fakultät kann nicht weit sein.
Ich beende meinen Rundgang, denn ich muss noch ein letztes Mal auf dieser Reise meine Wäsche waschen. Ich erkundige mich im Hotel nach einer Wäscherei in der ich selbst waschen kann, denn ich traue den Wäscherinnen nicht. Nicht erst ein Mal habe ich meine Wäsche eingelaufen oder verfärbt wiederbekommen, wenn ich den Service einer Wäscherei auf Reisen in Anspruch genommen habe.
Direkt gegenüber vom Hotel befindet sich eine Wäscherei, deren Besitzer schon mal einen Fremden an seine Maschinen lässt, wird mir gesagt. Als ich darum bitte selbst waschen zu dürfen ernte ich zwar zunächst fragende Blicke, aber schließlich lässt er mich doch gewähren. Während ich auf meine Wäsche warte beobachte ich immer abwechselnd die Waschmaschinen, in ihren ewig gleichen, rotierenden Bewegungen ein fast meditatives Erlebnis, und den Wäschereibesitzer,der seiner Tätigkeit mit großer Inbrunst nachgeht. Bald merke ich, dass ich ihm meine Wäsche problemlos hätte anvertrauen können. Immer wieder stoppt er die Trockner, prüft jedes einzelne Wäschestück, sortiert die bereits trockenen aus und gibt den Rest wieder in die Maschine, um ein möglichst schonendes Trockenen der Wäsche zu gewährleisten. Die bereits trockenen Stücke werden mit völlig übertriebenem Körpereinsatz zusammengefaltet und dann noch mit einer Flüssigkeit besprüht, die nach Rosenwasser riecht.
Nach jedem Arbeitsgang entfährt ihm ein "listo", was soviel wie "fertig" bedeutet und was man hier von jedem, überall und andauernd hört. Das "s" wird dabei nicht gesprochen, sondern nur leicht hauchend angedeutet. Man bindet sich die Schuhe: "listo", nach dem Händewaschen: "listo", nach dem Beenden einer Mahlzeit: "listo". Man kann es wohl am besten mit unserem deutschen "so" vergleichen, dass man -zig mal am Tag gedankenlos vor sich hinsagt. Ich habe mir diese Eigenart bereits angewöhnt.
Listo!

Dienstag, 30. Januar 2007

El Condor Pasa

"Quer caminar un rato?", fragt mich der Fahrkartenkontrolleur als er den Zielort auf meinem Fahrschein sieht. Pampilla steht darauf und das ist der Eingang zum Nationalpark "Quebrada del Condorito", was soviel bedeutet wie "Schlucht des kleinen Kondors". Der jüngste der argentinischen Nationalparks wurde erst Ende der 90er Jahre eingerichtet, da er als Brutgebiet der Kondore, der größten Vögel der Anden, und damit als besonders schützenswert gilt. Hier schlüpfen die Jungtiere und hier kann man sie bei den ersten Flugübungen beobachten. Schon seit Tagen freue ich mich auf diese Wanderung, deren Höhepunkt das Erreichen des "Balcon Norte" ist, einem Felsenvorsprung, von dem man nicht nur einen atemberaubenden Blick in die Tiefe Schlucht, sondern auch in die "Wohnstube" der Kondore genießen kann.
Als ich Cordoba verlasse brennt die Sonne bereits vom Himmel und es ist warm. Trotzdem packe ich meinen Drypack und meine Regenjacke in den Rucksack. Außerdem nehme ich noch ein Halstuch mit, das ich mir notfalls so unter meine Mütze stecken kann, dass der Nacken geschützt ist, und jede Menge Wasser, soviel mein Rucksack fassen kann. In meinem Führer steht, dass es in der Schlucht im Sommer bis zu 50°C heiß werden kann.
Als wir uns den Bergen nähern sehe ich erste Quellwolken über ihnen stehen. Kein Grund zur Besorgnis, denke ich, heftige und kurze Regenschauer sind im Sommer nicht selten. Immer höher klettert mein Bus auf den Serpentinen empor und nach etwa 2 Stunden Fahrzeit gibt mir der Kontrolleur zu verstehen, dass ich mein Fahrziel erreicht habe. Ein kurzer Stopp mitten auf der Strecke und ich kann aussteigen. Ein erster Schock kommt sofort: Es hat sich stark abgekühlt und es weht ein starker Wind. Außerdem ist von dem Eingang zum Nationalpark weit und breit nichts zu sehen. Ich ziehe meine Regenjacke an um mich gegen den Wind zu schützen und entscheide mich für eine Richtung, in die ich laufe. Als ich eine kleine Anhöhe erklommen habe, kann ich auf der anderen Straßenseite etwas wie einen kleinen Wegweiser sehen. Tatsächlich ist auf dem Wegweiser die Parkwächterstation des Nationalpark angeschrieben, nur 1 1/2 Kilometer. Ich gehen in die angewiesene Richtung und komme bald an einen Zaun, der das Gelände, das man nun betritt, als Privatgrund ausgibt, und diesen kann man nur über eine kleine Klettervorrichtung betreten.
"Un dia feio", ein "hässlicher Tag", begrüßt mich der Park Ranger. Auf meine Frage warum antwortet er "Weil es regnet", aber eigentlich ist es ja nur bewölkt und windig. So stellt man sich einen Park Ranger vor: braungebrannte, wettergegerbte Haut, eine olivgrüne Uniform, kantiges, glattrasiertes Gesicht. Er erklärt mir kurz den Weg und auf welche Markierungen ich zu achten habe, händigt mir eine Karte aus, bittet mich die Hinweisschilder bezüglich der wilden Tiere zu lesen und entlässt mich mit einem freundlichen Lächeln.
Auf dem angesprochenen Hinweisschild werden Hinweise zum Verhalten für die Zusammenkunft mit zwei Tieren gegeben: Dem Puma, oder auch Berglöwen, und einer giftigen Schlange, deren Kopf auf dem Schild nochmals im Detail abgebildet ist (dreieckige Kopfform, Himmelfahrtsnase). Sollte man auf einen Puma treffen wird geraten: 1.) Ruhe bewahren! 2.) Machen Sie sich größer als Sie sind indem sie ihre Arme in die Luft strecken 3.) Nicht wegrennen 4.) Sollte man Kinder dabei haben, sollen diese so dicht wie möglich am eigenen Körper gehalten werden 5.) Sollte der Puma angreifen: Laut schreien, mit den Armen um sich schlagen und mit den Beinen auf den Boden stampfen.
Sollte man von einer dieser Schlangen gebissen werden: 1.) Ruhe bewahren 2.)Seine Begleitperson sofort wegschicken um Hilfe zu holen ... In Ermangelung einer Begleitperson, die für die Punkte 3 bis 6 unerlässlich ist, habe ich nicht mehr weitergelesen. Schließlich weiss ich ja: Ruhe bewahren!
Der Wind wird immer stärker und treibt die dunklen Wolken immer schneller über mich hinweg. Ich habe mir für meine Wanderungen in Patagonien einen kleinen Kompass mit einem Thermometer gekauft, nicht viel mehr als ein kleines Spielzeug, aber genug um die Himmelsrichtung zu bestimmen, der mir jetzt um den Hals hängt. Die Temperatur, anfangs noch bei 15°C liegt jetzt nur noch bei 12°C. Was solls, solange ich in Bewegung bin, ist es nicht unangenehm. An einer Stelle an der man ins Tal hinabblicken kann, kann ich sehen, dass es dort heftig aus den dunklen Wolken regnet, die gerade noch über mich gezogen waren. Glück gehabt, sage ich mir.
Heavy rain
Nach etwa 1 1/2 Stunden Wanderung bewege ich mich jetzt schon sehr nahe an der Schlucht. Der Wind ist mittlerweile so stark, dass ich manchmal einen Schritt zur Seite machen muss um nicht zu stürzen und es fängt langsam an zu tröpfeln. Dicke Tropfen, die ziemlichen Lärm machen, wenn sie auf die Kapuze meiner Jacke in der Nähe des Ohres auftreffen.
Der Regen wird dichter und dichter, ich kann den "Balcon Norte" bereits sehen, bin vielleicht noch 200 Meter davon entfernt, als ich den ersten Donnerschlag höre. Der Regen ist jetzt so stark, dass meine Hose langsam nass wird. Ich entschließe mich dazu umzukehren, bei dem Wetter wäre eh kein Kondor zu sehen. Der Regen kommt mittlerweile waagrecht von der Seite, die Temperatur ist auf 8°C gesunken und der Weg ist schlammig, was das Laufen nicht erleichtert. Der Rückweg kommt mir ewig vor. Meine Schuhe sind zwar mit GoreTex gegen Wasser von außen geschützt, jedoch läuft es mir mittlerweile an den Beinen entlang in die Stiefel hinein, die bereits knöchelhoch gefüllt sind. Meine Hände sind blau und klamm. Ich fange lauthals an zu fluchen!
Als ich endlich die Station am Eingang des Parks sehe fange ich an zu rennen. Ich will nur eines: Endlich ins Trockene! In der Station sitzen schon mehrere Leidensgenossen und von allen bin ich noch der am besten Ausgerüstete. Viele haben nicht einmal eine Jacke dabei, nur Shorts und T-Shirt.
Ich frage nach dem nächsten Bus nach Cordoba. In einer halben Stunde, wird mir gesagt, aber man braucht nochmals 20 Minuten bis an die Straße. Mit einer kleinen Gruppe mobilisiere ich nochmals meine Kräfte und kämpfe mich durch Sturm und Regen die letzen Meter bis zu der Stelle wo wir den nächsten Bus anhalten können. Als ich gerade über den Zaun klettern will, sehe ich 2 Kondore, offensichtlich Jungtiere, die auf der Wiese sitzen, und, genau wie wir, nicht sehr glücklich über das Wetter zu sein scheinen. Der Ausflug hat sich doch noch gelohnt.

Montag, 29. Januar 2007

Einfach nur Sonntag

"Socialismo ou muerte?"
Ein strahlend blauer Himmel begrüßt mich, als ich die Augen aufschlage. Es verspricht ein warmer Tag zu werden und da Sonntag ist, auch ein guter Tag für eine Stadtbesichtigung, denn es ist ruhiger und man hat die Innenstadt für sich alleine.
Bevor ich dazu aufbreche möchte ich noch ein Stündchen am Hotelpool verbringen. "Müßiggänger sind Abenteurer, angesichts der beschränkten Lebenszeit, die uns allen zur Verfügung steht", habe ich kürzlich gelesen. Also begebe ich mich heute mal in das Abenteuer Müßiggang.
Als ich mich von meinem Liegestuhl erhebe ist es bereits 3 Uhr Nachmittags. Jetzt aber los!
Die Stadt ist wirklich ausgestorben, kaum ein Auto, kaum Fußgänger, kein Café, das geöffnet hat. Die Fenster der Häuser sind, der Hitze wegen, mit Jalousien oder Fensterläden verschlossen. Selbst im Park sind kaum Menschen, 3 Paare, die auf karierten Decken im Schatten der großen Bäume sitzen und sich die riesige Fläche teilen.
Über allem liegt bleischwer Langeweile.
Ich mutmaße bereits, dass sich alle Bewohner irgendwo versammelt haben, um ein rauschendes Fest zu feiern, das ich jetzt gerade verpasse, aber dem ist nicht so. Es ist einfach nur Sonntag.
So setze ich mich also auf eine Parkbank, ziehe meinen Führer aus dem Rucksack und beginne mit der Planung meines morgigen Tages, der mich in den Nationalpark Condorito führen soll.

Sonntag, 28. Januar 2007

Mitten in der Pampa

Die "Pampa" ist für uns in Deutschland Synonym für Langeweile, für Provinz, für ländliche Abgeschiedenheit. Tatsächlich ist "Pampa" eine Provinz Argentiniens und zwar ziemlich genau im Herzen des großen Landes. Ob hier auch wirklich das Herz der Nation schlägt, habe ich mich aufgemacht herauszufinden. Cordoba, die Provinzhauptstadt soll für die nächsten Tage meine Basis werden für Ausflüge in die nahegelegene Sierra Pampina, ein Gebirgszug, der angesichts der nahen Anden von Touristen eher links liegen gelassen wird und mich daher umso mehr anzieht.
Meinen eigentlichen Plan soweit in den Süden zu fahren, wie man kann, bis an das Ende des Kontinents, in die Stadt Calafate, habe ich aufgegeben. Ich hatte keine Lust mehr auf Touristenrestaurants, wo man nach dem Geschmack der Gäste kocht, auf Massen an Menschen, die an Sehenswürdigkeiten für ein schnelles Foto ausgeladen werden und ihrem Urlaubszeitplan hinterher hetzen, auf ein Argentinien, das man sich bemüht so zu gestallten, wie es die Touristen vermeintlich vorzufinden wünschen.
Ich möchte das ursprüngliche Argentinien kennen lernen, einfach so wie es ist, möchte erfahren wie die Menschen hier leben, was sie bewegt. Was war also naherliegender, als mitten in die Pampa zu fahren.
So bin ich gestern Abend in Cordoba angekommen, der zweitgrößten Stadt des Landes und der Hauptstadt des landwirtschaftlichen Zentrums. Was zuerst auffällt, als unser Flugzeug die Wolkendecke durchstößt, ist das satte Grün, das man überall sieht. Keine Wälder, keine Felder, überall Weiden, nur saftige grüne Weiden. Das Fleisch der argentinischen Rinder ist deshalb so zart, weil es hier weniger Wasser gibt und das Fleisch daher trockener ist, aber nach Wasserarmut sieht es hier nicht aus.
In der Tat werde ich am Morgen von heftigem Regen geweckt, der an mein Fenster klopft. Er soll bis in den späten Nachmittag nicht aufhören, aber das weiß ich noch nicht, als ich das Hotel verlasse, um die Stadt zu Fuß zu erkunden. Ich bin hier in einer der ältesten Städte des Kontinents. Knapp 80 Jahre nach dessen "Entdeckung" wurden hier, von der spanischen Krone und den Jesuiten, schon prächtige Kathedralen und Klöster gebaut. Offensichtlich blieb auch ihnen das landwirtschaftliche Potenzial der Region nicht verborgen. Die Fülle an gut erhaltenen Gebäuden aus der Kolonialzeit fällt auf und dafür ist Cordoba auch bekannt. Nur richtig genießen kann ich meinen kleinen Stadtrundgang nicht, dafür regnet es zu stark. So beschließe ich mich in ein Café zu setzten und in meinem "Nachtzug nach Lissabon" zu lesen.
In meinem Führer lese ich zufällig von einem Antiquitätenmarkt, der immer am Wochenende zwischen 17 und 22 Uhr stattfindet. Ich schaue auf den Stadtplan und stelle fest, dass ich ganz in der Nähe bin, also beende ich meine Lektüre und mache mich auf den Weg.
Ich mag es auf diesen Märkten zu stöbern. Ich mag alte Dinge, Dinge mit Geschichte. Es macht mir Spaß mir vorzustellen, wer ein altes Möbelstück vorher wohl besessen hat, was seine Geschichte war, bevor es hier landete und wer es wohl erstehen und mit nach Hause nehmen wird.
Es herrscht Flohmarktstimmung, neben Antiquitäten wird auch der übliche Tand angeboten. In einer Gasse verkaufen alte Damen Selbstgebackenes um ihre Rente aufzubessern. Lange laufe ich umher, gehe in einige Geschäfte um die Ware anzuschauen, ein paar Worte mit den Besitzern zu wechseln, die Atmosphäre zu genießen.
Schließlich komme ich an einem Geschäft vorbei, das sich auf alte Uhren und optische Geräte spezialisiert hat. Im Schaufenster entdecke ich ein Mikroskop, das genau so aussieht, wie das, dass ich einmal besessen habe. Ein schwarzes Metallgestell, mit einem ebensolchen Objektträger und einer einfachen Halterung in der die einäugige Optik befestigt ist. Als Lichtquelle dient ein kleiner Spiegel, der unterhalb des Objektträgers angebracht ist. Es war das Mikroskop meines Vaters, ein einfaches Gerät, das er sich zu seiner Studienzeit gekauft hatte, für ein besseres hatte das Geld wohl nicht gereicht. Irgendwann hat er mir es dann geschenkt, ich glaube, es war zum Geburtstag. Ich erinnere mich, wie er mir erklärte was man damit machen kann und dann den Flügel einer toten Stubenfliege für mich präparierte, dessen Adern und Struktur ich mir dann fasziniert immer und immer wieder angeschaut habe. Ich versuche mich daran zu erinnern was damit geschehen ist, wann ich es zum letzten Mal gesehen habe. Bei irgendeinem meiner vielen Umzüge ist es wohl abhanden gekommen, denke ich, und trete wehmütig meinen Heimweg an.

Freitag, 26. Januar 2007

Für Gringos ein bisschen mehr

Ich beobachte das Boot, wie es sich vom Strand weg gegen die Brandung aufs Meer hinauskämpft. Manchmal sieht es so aus als ob die nächste Welle es umwerfen wird, aber der Bootsführer weiß wie er die Wellen zu nehmen hat. Auch ich habe heute einen Bootsausflug gebucht, will raus in die Buch um eine Gruppe von Delfinen zu beobachten, die sich dort aufhält. Spektakuläre Aufnahmen, von Delfinen in glasklarem Wasser, wie sie zu mehreren vor dem Boot herumspringen, sind in der Broschüre des Veranstalters zu sehen. Das Boot ist eine Art großes Schlauchboot, das mich an die Boote erinnert, mit denen Greenpeace seine Einsätze gegen Wahlfänger und Öltanker gefahren hat. Wohl ist mir nicht bei dem Gedanken in einem Schlauchboot gegen die Brandung anzufahren, aber wenigstens habe ich meine Kamera und Wechselobjektive in einem "Drybag", einer dickwandigen Gummihülle, deren offenes Ende man zusammenrollt und mit einem Klettverschluss wasserdicht verschließt, die ich mir während meiner Reise gekauft habe um meine elektronischen Begleiter gegen Staub und Wasser zu schützen, verstaut.
Als ich gegen 9 Uhr am verabredeten Treffpunkt erscheine werde ich zunächst für 10 Uhr wiederbestellt und schließlich wird der Ausflug abgesagt. Der Wind, der heute von der See weht, ist einfach zu stark. Enttäuscht begebe ich mich in mein Hotel zurück. Gerne hätte ich die Delfine beobachtet und ein paar Fotos geschossen. Die so gewonnene Zeit beschließe ich damit zu verbringen, mich im Museum über die Geschichte der Stadt und über Flora und Fauna der Halbinsel zu informieren.
Just for the colours
Das Museum der Stadt ist in einer alten und liebevoll renovierten Villa, einem alten Herrenhaus mit kleinem Aussichtstürmchen, untergebracht. An der Kasse wartet das nächste Ärgernis, dem ich hier schon öfters begegnet bin. Bei den Eintrittspreisen fast überall wird danach unterschieden, ob man aus der Region, aus Argentinien oder dem Rest der Welt kommt. Ausländer zahlen am meisten, teilweise den siebenfachen Preis dessen was von Einheimischen verlangt wird. Es ist schon richtig, dass der Durchschnittsargentinier mit einem Gehalt von unter 1000 Pesos auskommen muss und dass ich ein Vielfaches verdiene. Nur dass der Durchschnittsargentinier es sich auch nicht leisen kann mit seiner Familie in einer Region Urlaub zu machen, die hauptsächlich von ausländischen Touristen besucht wird. Ich kann verstehen, wenn Einheimische aus der Region nicht den vollen Preis bezahlen (die sollten meiner Meinung nach sogar gar nichts bezahlen), denn schließlich soll von ihnen jeder die Gelegenheit bekommen, von seiner Geschichte zu erfahren, aber dass ich den Urlaub von Leuten sponsere, die zu der begüterten Oberschicht gehören und die, wie ich nur mutmaßen kann, ihren Reichtum nicht immer mit ganz legalen Mitteln erwirtschaftet haben, stört mich einfach. Undenkbar so etwas in Europa zu machen.
Das Museum ist sehenswert, schon alleine des etwas hundertjährigen Gebäudes wegen. Die Ausstellung umfasst die Themen der ersten Besiedlung, die Ankunft der Europäer, der hemmungslosen Ausbeutung der Natur bis hinein in die 1970er Jahre, sowie der Erklärung des empfindlichen Ökosystems und der Auswirkungen bereits kleinster Umweltsünden, wie beispielsweise weggeworfener Batterien.
Low tide
In das kleine Aussichtstürmchen der ehemaligen Villa kann man hinaufsteigen und hat von dort einen schönen Blick auf die Stadt und die Bucht. Ich stelle mir vor wie der Hausherr früher hier oben stand und nach den Versorgungsbooten Ausschau hielt, die den dringend benötigten Nachschub an Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen brachten. Über den Fenstern der Türme wurden alte Fotos angebracht, auf denen man sehen kann, was die Leute die hier früher standen, sahen. Ich vergleiche die Straßen und Gebäude auf den Fotos mit denen von heute. Einige wenige Gebäude der ursprünglichen Bebauung stehen immer noch.
In der Ferne sieht man, wie die erst vor 30 Jahren erbaute Aluminiumfabrik ihren Schmutz in die Luft bläst, mitten im Naturschutzgebiet und UNESCO Welterbe der Menschheit.

Donnerstag, 25. Januar 2007

Von Löwen und Elefanten

Es gibt keinen Moment Ruhe, ein ewiges sich Hin- und Herwerfen, mal zur einen, mal zur anderen Seite, um nur alle Konkurrenten auf Abstand zu halten. Die Männchen sind eigentlich ständig aufgerichtet und geben Laute von sich, die tatsächlich an das Brüllen von Löwen erinnern. Wir wurden gewarnt, Seelöwen sind äußerst aggressive Tiere, denen man sich nicht zu sehr nähern dürfte, und genau diesen Eindruck machen sie auch auf mich. Vor uns liegt eine Kolonie von etwa 200 Tieren, jeder Bulle hat seine Weibchen und Junge um sich versammelt und achtet sehr genau darauf, dass sich kein anderes Männchen nähert. Kommt einer doch zu nahe werden aus den Drohgebärden sofort Kämpfe, die jedoch nicht sehr lange dauern. In der Tat warten in vorderster Reihe am Wasser Jungbullen, die ihren eigenen "Harem" bilden möchten und auf ihre Chance warten. Die Damen, denke ich bei mir, liegen also am Strand in der Sonne, während sich die Herren aufblasen und wichtig machen. Wie im richtigen Leben!
Sea Lions
Die Bullen sind massig, bis zu 300 Kilo schwer, deutlich größer als die Weibchen und haben eine lange Behaarung um den Hals, die an eine Löwenmähne erinnert. Daher kommt der Name. Ich schaue ihnen lange zu, gehe die Kolonie ab und bedauere die Bullen ein bisschen. Es ist stressig ein Seelöwenbulle zu sein.
Die Seelöwenkolonie liegt am "Punto Norte" der Peninsula Valdez, einem Nationalpark und Welterbe der Menschheit. Genau an dieser Stelle wurden die spektakulären Aufnahmen gemacht, bei denen Orcas sich bis an den Strand treiben lassen um Jungtiere zu erbeuten, mit denen sie, bevor sie sie verzehren, noch spielen, sie aus dem Wasser schleudern um sie dann wieder zu fangen. Die Saison der Orcas ist eigentlich schon seit Mitte Dezember vorbei, jedoch kommen noch vereinzelt kleine Schulen in das Revier. Die letzte Gruppe, 5 Tiere, so kann ich am Besucherzentrum erfahren, wurde vor nur 2 Tagen um 17:30 Uhr gesichtet. Wir haben heute leider kein Glück. Immer wieder suche ich das Wasser ab und manchmal denke ich, die Atemfontäne eines Wals zu erspähen, aber es ist nur die Brandung, die sich an einem Felsen im Meer gebrochen hat.

Nach einer Stunde in der Kolonie fahren wir weiter die Küste der Halbinsel entlang nach Galeta Valdez, denn hier kann man Magellanpinguine beobachten. An Menschen gewohnt, kommen sie ganz nah an uns heran und betrachten uns neugierig. Es sind einige Jungtiere darunter, die flehend ihre Schnäbel öffnen und Nahrung erbetteln, doch sie sind mit ihrem Alter von 2 Monaten jetzt selbst für ihre Nahrungssuche verantwortlich . In Punta Tombo, nur etwa 100 Kilometer weiter südlich, so erfahren wir von unserer Führerin, besteht die größte Pinguinkolonie der Welt, außerhalb er Antarktis, sie zählt bis zu 750.000 Individuen.
Lonely Penguin
Magellanpinguine sind knapp einen halben Meter groß und wiegen etwas mehr als drei Kilo. Sie sind sehr neugierig, man muss sich nur lange genug still verhalten und sie kommen von selbst. Allerdings können auch sie beißen, wenn man zu unvorsichtig ist. Ich versuche es, setzte mich still an einen abgeschiedenen Platz und bekomme bald Besuch. Ich mache ein paar Fotos und versuche mich wegzustehlen, denn der Höhepunkt des Tages wartet noch auf uns, die See-Elefantenkolonie in Punta Cantor.

See-Elefanten haben ihren Namen von der rüsselartigen Verlängerung ihrer Nasen. Genau genommen besitzen nur die ausgewachsenen Männchen diesen Rüssel. See-Elefanten können bis zu 7 Metern lang werden und bis zu 5 Tonnen wiegen. Tatsächlich sind wahre Fettberge unter ihnen, aber die richtig großen sind noch nicht an Land, die Kolonie ist fast verwaist. Man erklärt uns, dass der Wechsel des Fells unmittelbar bevorsteht, bei manchen Tieren kann man es bereits gut sehen, und die See-Elefanten dann an Land bleiben, da es im Wasser zu kalt für sie ist. "Zu kalt?", frage ich nach. Ich war gestern selbst kurz im Wasser und schätze es auf ca. 18°C. Bei der Fettschicht kann man doch bei solchen Temperaturen unmöglich frieren. Ich werde eines besseren belehrt, denn die wärmeren Temperaturen herrschen nur in unmittelbarer Küstennähe. Außerdem tauchen die Tiere bei ihrer Nahrungssuche bis zu 1500 Meter tief und da kann es schon schattig werden.
Sea Elephant
Die eigentliche Attraktion der Peninsula Valdez ist jedoch der, vom aussterben bedrohte, südliche Glattwal. Leider bin ich einen ganzen Monat zu spät, um diese 12 Meter langen Meeressäuger zu beobachten. Längst sind sie weiter gezogen, immer ihrer Nahrung hinterher.

Mittwoch, 24. Januar 2007

Bessere Zeiten

Der Bus setzt sich schaukelnd in Bewegung, bald schon sind die letzten Häuser Bariloches an uns vorbeigezogen und wir fahren durch die einmalige Landschaft aus Seen und Bergen in Richtung Süden. Ich freue mich auf die Fahrt auf der berühmten Ruta 40, der längsten Straße Argentiniens und letztem Teil der Tansamericana, die von Alaska nach Feuerland führt, doch bald schon fängt es an so stark zu regnen, dass man die Landschaft nur noch schemenhaft, hinter einem Vorhang aus Wasser, erahnen kann. Ich entspanne mich und stelle meine Rückenlehne nach hinten. Ich bin froh, dass der Busfahrer mir das Fahren abnimmt und ich mich nicht auf die Straße konzentrieren muss. Schon werden Sandwiches serviert, dazu ein starker, gesüßter Kaffee und der Steward legt den ersten Film ein, eine romantische Komödie, aber ich schaue lieber aus dem Fenster. Vor uns liegen 1000 Kilometer erst in Richtung Süden und dann weiter nach Puerto Madryn an der Atlantikküste Argentiniens, in der Nähe der Halbinsel Valdez.
Fun on the water
Überlandbusse in Südamerika gleichen eher Flugzeugen als den Reisebussen, die wir aus Europa kennen. Es sind zweistöckige Ungeheuer, die die Riesendistanzen in der Regel Nachts zurücklegen. Der Sitzkomfort ist mit denen der Business Klasse in Flugzeugen vergleichbar. Pro Reihe gibt es 3 Sitze, 2 auf der einen und 1 auf der anderen Seite. Zum Schlafen lassen sie sich auf eine ebene Liegefläche, die sich etwa im 30° Winkel nach vorne neigt, stellen. Es sind mindestens 2 Fahrer an Bord, die sich abwechseln und ein Steward, der sich um das Wohl der Gäste kümmert und, je nach Fahrzeit, 2 oder 3 Mahlzeiten oder Snacks und Getränke serviert.
Noch ein Halt um Passagiere aus und neue Gäste einsteigen zu lassen und dann geht die Fahrt nach Osten durch Steppenland, 800 Kilometer ohne größere menschlich Ansiedlungen zu durchfahren.
Um 6 Uhr weckt mich die aufgehende Sonne, ich ziehe die Vorhänge auf und betrachte die Landschaft, die ich schon von meinen letzten Fahrt kenne: Endlose trockene Steppe. Als ich meinen Blick schon abwenden und mich meinem Buch widmen will, sehe ich Lamas, zu erstem Mal, eine kleinere Herde, die am Straßenzaun steht. Der Zaun, der alle großen Straßen im Süden und in der Pampa säumt wurde gebaut, um zu verhindern, dass sich Tiere in der Nacht auf den noch warmen Asphalt zu legen um sich aufzuwärmen. Schlimme Unfälle waren die Folge.
Jetzt wird meine Aufmerksamkeit geweckt und ich versuche noch andere Tiere zu erspähen. Ich muss nicht lange warten, da zeigt sich der nächste Bewohner dieser Wildnis, ein Steppenfuchs.

Als ich mein Hotel in Puerto Madryn beziehen will, wird mir mitgeteilt, dass erst um 12 Uhr bezugsfertig ist. Ich schaue ostentativ auf meine Uhr und die zeigt 7.30 Uhr. Der Portier hinter seiner schäbigen Rezeption, dreht nur ein Schild auf dem Tresen um, auf dem Ein- und Auscheckzeiten veröffentlicht sind und tippt darauf, ohne mich dabei anzusehen. Ich weiß natürlich um die Zeiten, aber schließlich hatte ich vorreserviert.
White and blue
Das Hotel Playa hat bessere Zeiten gesehen, soviel steht fest, und die dürften in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gelegen haben. Der Teppichboden am Eingang ist abgelatscht und so schmutzig, dass es beim Darüberlaufen staubt. Zwar höre ich von irgendwo her einen Staubsauger, aber seinen Weg bis in die Lobby hat er lange nicht mehr gefunden. Hinter dem abgenutzten und schmierigen Empfang, steht ein ebenso schmieriger Portier im schlecht sitzenden Polyesteranzug und pomadisierten Haaren, eine argentinische Fahne und ein Foto des Präsidenten. Viva la Patria! - Was soll's schließlich bin ich nicht wegen des Hotels nach Puerto Madryn gekommen, sondern wegen der Tiere, die man hier beobachten kann. Aber dazu morgen mehr...

P.S.
Hier ein Auszug eines E-Mails, dass mir mein Bruder aus Goa in Indien geschickt hat, wo er sicher gerade aufhält, und das mich so belustigt hat, dass ich es meinen treuen Lesern nicht vorenthalten möchte:

"Habe mir heute mal den Charterstrand beaeugt: Rotgeroestete fette
Proleten der absolut untersten Ebene aus dem angelsaechsischen
Asozialenmillieu. Viele davon auch noch oben ohne. Ein Panoptikum des
Unfassbaren. Ein derartig mutierter Geenpool kann sich nur in
jahrtausendelanger Inzucht eines Inseldaseins ausbilden. Einer
pinkelte heute vor voll besetztem Strand, knietief im Wasser, einfach
ins Meer...
(Ueberfluessig zu erwaehnen, dass der Bierkonsum dieser abscheulichen
Klopse von normalen Homo Sapiens nicht ueberlebt werden wuerde, und
der Strand voller war als EL ARENAL zur Hauptsaison...)
Die dort anwesenden Koerperverformungen scheinen aus einer
Computeranimation zu stammen, sind aber die Realitaet!!!"