Samstag, 3. Januar 2009

17 Stunden

Das Reisen über lange Distanzen ist seit 20 Jahren mein Beruf und man bekommt mit den Jahren eine gewisse Imunität gegenüber Zeitverschiebungen. Man schläft manchmal besser manchmal schlechter, jedoch hat man herausgefunden, wie man sich zu verhalten hat um den Rückflug einigermaßen fit anzutreten.

Als ich in meinen Koffer auspacke ist es etwa 3 Uhr nachmittags. Nach einer kurzen Dusche gehe ich erstmal raus um ein paar Sachen aus dem nahen Supermarkt zu holen, mir eine thailändische SIM Karte für mein Telefon zu kaufen und die Gegend, in der ich wohne, zu erkunden.
Nicht weit von meinem Hotel fällt mir ein kleiner Massagesalon auf. Genau das, was ich jetzt brauche, denn durch das lange Sitzen und Warten schmerzt mein Rücken. Eine Massage ist für zwischen 200 und 500 Baht, also zwischen 4 und 10 Euro die Stunde, zu haben, je nachdem, wie touristisch die Gegend ist, in der der Massagesalon steht.
Meine kostet 10 Euro und ist so entspannend, dass ich kurzzeitig einschlafe.

Zurück im Hotel erledige ich ein paar Emails und Anrufe, verabrede mich für den nächsten Tag mit Bekannten, die ich von der Internetseite Flickr kenne, und beschließe um 8 Uhr ins Bett zu gehen.
Als ich zum ersten Mal aufwache ist es 1 Uhr morgens. Ich schalte den Fernseher an, schaue mir ein paar Thai-Boxkämpfe an, bei denen neben dem Schlagen mit der Faust auch Tritte mit Knien und Beinen erlaubt sind, und schlafe 3 Stunden später wieder ein.
Als ich die Augen das nächste Mal öffne zeigt die Uhr 3 Uhr nachmittags. Erst glaube ich meine Uhr ist stehengeblieben, doch ein Blick auf den Radiowecker bestätigt: Ich habe in dieser Nacht 17 Stunden geschlafen!

Jetzt geht's los

Über Nacht hat es ein bisschen geschneit und so präsentiert sich die Landschaft vor meinem Fenster in frischem Weiß. Alles ist noch ruhig an diesem Neujahrsmorgen, nur der Ruf zweier vorbeifliegender Raben ist zu hören. Danach wieder Stille.
Um 10:30 Uhr habe ich mein Taxi bestellt um mich zum Flughafen zu fahren, denn es ist schon eine kleine Tradition geworden, dass ich am 01.01. zu einer Reise aufbreche, die mich in wärmere Gegenden bringt und meinen Winter in zwei Teile schneidet.
Mein Taxifahrer, derselbe wie im letzten Jahr, redet gerne, erzählt mir seine Erlebnisse der Silvesternacht und diesmal mache ich mit und höre aktiv zu.

Mein erstes Etappenziel ist Singapur, vier Stunden Aufenthalt und dann weiter nach Bangkok, wo ich ein paar Tage bleiben möchte, ehe ich in den Norden des Landes weiterreisen werde.

In Singapur angekommen erkundige ich mich, wie ich an mein Gepäck komme, ohne einreisen und danach gleich wieder ausreisen zu müssen, denn die Gepäckausgabe ist hinter der Passkontrolle. Ich soll einfach beim Einchecken für meinen Anschlußflug den Gepäckabschnitt meines alten Fluges vorzeigen und dann wird mein Gepäck automatisch auf den Anschlußflug verladen. Hmmm, mein Koffer, der in diesem Moment bereits herrenlos auf irgendeinem Gepäckband seine Kreise zieht, soll mir also folgen, obwohl ich mit einer anderen Fluggesellschaft, von einem ganz anderen Terminal und außerdem noch mit einem Standby-Ticket weiterfliege, nur in dem ich meinen alten Gepäckabschnitt abgebe? In jedem anderen Land, inklusive meinem eigenen, hätte ich jetzt lautstark protestierend auf einer anderen Lösung bestanden, aber ich kenne Singapur und vertraue dem guten Organisationstalent seiner Bewohner und dem hervorragenden Ruf des Changi Airports. So fahre ich also mit dem "Skytrain" zum Terminal 2 und warte auf meinen Weiterflug.

Der Flughafen gleicht einem Einkaufszentrum, mit zahlreichen Geschäften, Kaffees und Restaurants. Sogar an einen Swimmingpool für Transitgäste wurde gedacht, um denen die Wartezeit zu verkürzen. Seine Nutzung ist genauso kostenlos wie der Zugang zum Internet, entweder kabellos mit dem eigenen Laptop, oder über die Terminals, die überall bereitstehen. Zum Schwimmen habe ich keine Lust, also hole ich meinen Computer heraus und sehe nach meiner Post.

Gleich nachdem sich das Gepäckband in Bangkok in Bewegung setzt sehe ich auch schon meinen Koffer, schwarz glänzend, auf mich zufahren, fast so, als möchte er mir sagen, dass er mich niemals im Stich lassen würde.

Der Taxifahrer, der mich schließlich in mein Hotel in Bangkok bringen soll, versteht die Adresse nicht richtig und bringt mich statt zum Silom Center Point Hotel in die Silom Road. Dass ich da aber gar nicht hin will findet er lustig. Ich nicht, denn langsam wäre eine Dusche fällig und ein Bett.
Als wir, nach mehreren Fehlversuchen, doch noch ankommen, bin ich positiv überrascht. Statt dem Hotelzimmer, das ich von Deutschland aus gebucht habe, bewohne ich in den nächsten 5 Tagen ein Apartment, mit Stereoanlage, Waschmaschine, Küche und einem kleinen Balkon mit Blick über die Stadt.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich am letzten Wochenende einen Beitrag gelesen, der mich beunruhigt hat.

Es geht um ein kleines Lokal, etwa 100 km nördlich der japanischen Hauptstadt Tokyo. Das Lokal gehört Frau Otsuka und ähnelt auf dem Foto den vielen Lokalen, die ich aus Japan kenne: am Eingang ein Regal für die Schuhe, ein paar Pantoffeln für die ehrenwerten Gäste, ein enger Raum, niedrige Tische - irgendwie gemütlich. Bislang nichts was mich ängstigen müsste, wenn Frau Otsuka nicht außergewöhnliches Personal beschäftigen würde. "Ohne Affen wären wir nur ein Lokal" sagt Frau Ôtsuka über ihre ungewöhnlichen Kellner. Tatsächlich werden die Gäste von Makaken bedient, die die Besitzer des Lokals von einem Affentrainer aus der Region, der sein Geschäft aus Altersgründen aufgegeben hat, bekommen haben.
"Makaken gibt es viele in unserer Gegend und viele Menschen haben welche zu Hause", wird die Japanerin zitiert, doch ihre Affen sind besondere Tiere, denn sie haben gelernt die Gäste des Lokals zu bedienen.
Sie können Erfrischungstücher, Getränke und kleine Speisen servieren, sagt Frau Otsuka, und das kommt bei den Gästen einfach gut an.
Hmmm, Erfrischungstücher, Getränke und kleine Speisen servieren ist eine ziemlich genaue Beschreibung meiner Tätigkeit und nun wird aus einer Ahnung, die mich schon lange verfolgte, Gewissheit: Mein Job kann auch von Affen erledigt werden! Es kommt noch schlimmer: die Affen können neben ihrer Kellnertätigkeit auch noch tanzen und eine japanische Kampfsportart. - Verdammt, ich kann weder das eine noch das andere!

Vielleicht sind Affen ja einfach die besseren Menschen. Was wäre denn, wenn man zum Beispiel die Posten von Bankmanagern mit Affen besetzen würde? Ich erinnere mich an ein Börsenspiel, bei dem jedermann ein bestimmtes Grundkapital virtuell an der Börse anlegen konnte und derjenige den Sieg davon tragen sollte, der in einer vorgegebenen Zeitspanne sein Grundkapital maximal vermehrt hatte. Der Gewinner war ein Affe aus einer Forschungseinrichtung, den die Wissenschaftler aus Spaß an dem Gewinnspiel teilnehmen ließen und der alle Experten und Hobbybörsianer abhängte. Vielleicht konnte dieser Affe ja obendrein auch noch tanzen und andere Kunststückchen und damit die Menschen erfreuen?

Frau Otsuka jedenfalls lobt den Fleiß ihrer tierischen Servicekräfte, der dem des menschlichen Personals in nichts nachstehe. Nach getaener Arbeit gehen die Makaken in die Wohnräume der Familie, wo sie selbstständig ihr Abendessen einnehmen und dann warten, bis die Restaurantbesizter aufgeräumt haben und sich zur Ruhe begeben.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Arabische Impressionen

Colourful Live
Die Sonne geht gerade hinter den wenigen Wolken unter und malt als Abschiedgruß einen Strahlenkranz an den Himmel. Das geschäftige Treiben in der Altstadt Dubais jedoch läßt sich davon nicht beeindrucken. Zeitgleich beginnen die Muezzine von den Minaretten der zahlreichen Moscheen in den ausklingenden Tag zum Gebet zu rufen. Vielfaches "Allah-u-akbahr" - Gott ist groß - eine Kakophonie der Spiritualität.

Hier, im alten Stadtkern, ist Dubai noch ursprünglich, so wie es vor dem sagenhaften Reichtum, der allerorten demonstriert wird, gewesen sein muss. Araber freilig findet man hier kaum noch. Längst haben die Einwanderer aus aller Herren Länder die Altstadt für sich entdeckt: Inder, Pakistani, Bangladeshi, Filipinos, sie alle bestimmen das Straßenbild zwischen dem Gold Souk, dem Spice Souk und den zahllosen Geschäften für Textilien, Elektronik und Haushaltsbedarf. In winzigen, hell erleuchteten Schneidereien, nicht einmal von der Größe meines Wohnzimmers, kann ich sehen, wie Männer, Nähmaschine an Nähmaschine, so eng zusammengestellt, dass ein Erwachsener kaum hindurchgehen kann, Kleider im Akkord herstellen.
Am Dhow Harbour, dem alten Hafen der Stadt, werden immer noch Daus entladen um die nahen Märkte mit Waren zu versorgen. Zwischen den ein- und auslaufenden Booten fahren Wasserbusse, kleine Boote ohne Reling, mit einer Holzbannk in der Mitte, im Minutentakt und verbinden die beiden Uferseiten.
Water busses
Aber das ist nur die eine Seite der Stadt an der Spitze der arabischen Halbinsel. Die andere ist deutlich auffälliger, denn sie zeigt die Potenz und den Reichtum, der aus dem einstigen Fischerdorf eine Millionenmetropole und ein Finanz- und Handelszentrum gemacht hat.
Hier findet man, im Meer vor der Stadt in windeseile erbaut, die größten künstlichen Inseln der Welt, zwei in Form einer Palme, und eine ganze Inselgruppe, die von oben betrachtet die Weltkarte darstellt und deswegen in aller Bescheidenheit "World" genannt wird. Hier steht das einzige 7 Sterne Luxushotel der Welt, das Burj al Arab, in der die Nacht in einer der Luxussuiten schon einmal einen 6-stelligen Dollarbetrag kosten kann und nicht zuletzt entsteht hier gerade das höchste Gebäude der Welt. Das Burj Dubai, noch im Bau befindlich, hat bereits jetzt alle seine Konkurrenten der anderen Erdteile weit hinter sich gelassen, was seine Höhe betrifft. Wie hoch es tatsächlich einmal werden wird, wissen nur Wenige: der Architekt, der Bauherr und das Team der Statiker.
Vorbei die Zeiten in der ausschließlich amerikanische Städte um den Titel des höchsten Gebäudes stritten. Zunächst übernahmen die Petronas Towers in Kuala Lumpur, um nur, wenig später, vom 101 Tower in Taipei abgelöst zu werden und, gerade als China seine Pläne für seinen "Turm von Babel" vorlegte, reißt eine Baustelle in der Wüste den Titel an sich. Machtspielchen der Superreichen!

Statussymbole findet man natürlich vor allem auch auf der Straße, denn Kleinwagen sucht man hier vergebens. Bevorzugtes Fortbewegungsmittel sind Geländewagen und SUV's deutscher Nobelmarken, die hier, sobald man die Stadt verlassen hat, sogar auch Sinn machen. Der Benzinpreis ist so niedrig und das Geld sitzt so locker, dass man sich nicht einmal die Mühe macht ihn an den Tankstellen anzuschreiben.
So ist denn auch eines der Hauptvergnügen der Dubaier das Einkaufen. Wer echte Araber sehen möchte, der muss in die zahlreichen Shopping Tempel gehen, in denen alles zu haben ist, was einen guten Namen hat, zu Preisen, die noch etwa 10% bis 20% über denen in Europa liegen.

Ein Verkäufer in einer Boutique, wie fast alle Dienstleister hierzulande Filipino, erzählt mir dass in diesem Jahr ultrakurze Miniröcke der Verkaufsschlager seinen. Verwundert frage ich ihn, wie das in einem muslimischen Land möglich ist.
"Natürlich sieht man die Damen nie diese Mode tragen", klärt er mich auf, "die wird immer unter den Schwarzen Mänteln versteckt und erst in den eigenen vier Wänden oder bei sogenannten Ladyparties demonstriert."

Donnerstag, 27. November 2008

Arschgeweih verboten!

"We kindly ask you to cover your tatoos with tape, before entering the health club". Diese Aufforderung lese ich in einer Broschüre, die auf dem Schreibtisch meines Zimmers des Tokioter Hotels "New Otani" ausliegt. Ich stelle mir vor wie junge Frauen mühsam versuchen ihre platzgreifenden Tätowierungen über dem Steiß, das sogenannte "Arschgeweih", abzukleben, damit sie in die Wellnessanlage des Hotels vorgelassen werden.
Tätowierungen waren im Japan der vergangenen Zeiten der Yakuza, der "ehrenwerten Gesellschaft", vorbehalten und galten als deren Erkennungsmerkmal. Vielleicht möchte man sich mit dem Tattooverbot die Mitglieder dieser Organisation vom Leibe halten. Auch wenn Tätowierungen unter jungen Japanern einiges an Popularität gewonnen haben sind sie längst noch nicht so verbreitet wie bei ihren Altersgenossen im Westen.
Es ist keine Seltenheit, dass Menschen mit sichtbaren Tätowierungen der Zutritt zu Clubs, Restaurants und Hotels verwehrt wird.

Auch wenn einiges in Japan auf den ersten Blick an unser Leben im Westen erinnert, so sind die Unterschiede doch gewaltig. Ein Aufenthalt in der 30 Millionen Metropole Tokio ist spannend und verwirrend zugleich und jedes Mal entdecke ich hier Neues.

Noch am Tag vor meiner Abreise habe ich mir einen neuen Reiseführer von Tokio gekauft. Der alte war in die Jahre gekommen und hat, in einer Stadt, in der nichts mehr Bestand hat, als der Wandel, nur noch anachronistischen Wert.
Ich schätze die Führer der Reihe "Vis á vis", denn sie heben sich erfrischend aus dem Einerlei ihrer Konkurrenten ab. Sie legen den Focus nicht so sehr auf günstige Übernachtungen oder Restaurantempfehlungen, sondern erklären die Stadt im historisch-kulturellen Kontext, machen auf Architektur und Alltagskultur aufmerksam und geben Anstöße diese zu erleben und erlaufen. Nichts für Menschen, die nicht gerne zu Fuß unterwegs sind.
Ich habe mir für den nächsten Tag 3 Highlights vorgenommen: den Stadteil Yanaka, eine Enklave der Altstadt und der besterhaltenste Teil Tokios, Akihabara, das Elektronikviertel, in dem man die neuesten high-tech Spielereien zu günstigen Preisen erstehen kann und schließlich Obaida, den neuesten Stadtteil Tokios, auf einer künstlichen Insel gelegen, ein Vergnügungsviertel für Großstadtfans.

Um 7:00 Uhr verlasse ich bereits mein Hotel, denn mein Tagespensum ist genauso groß, wie die Entfernungen zwischen meinen Stationen. Der Zug in Richtung Innenstadt fährt immer an der Küste der Tokio-Bay entlang. In der Ferne erhebt sich der heilige Berg Fuji-san, dem der bevorstehende Winter eine Haube aus Schnee aufgesetzt hat, die der hereinbrechende Morgen nun in eine zarte Rosafärbung taucht.

Es ist Sonntag und trotz der frühen Uhrzeit sind alle Züge gut besucht, der Stadtteil Yanaka dagegen wirkt noch verschlafen. Ich gehe den von meinem Reiseführer vorgegebenen Weg entlang und fühle mich in die Zeit zurückversetzt, in der Tokio noch Edo hieß und nichts weiter als ein Provinznest war. Zahlreiche Tempel liegen fast Tür an Tür entlang der kleinen Straße. Einer gefällt mir besonders. Er nennt sich "Schneebetrachtungstempel", da er einst ein beliebter Ort dafür war, den Schneeflocken beim Fallen zuzusehen und darüber Gedichte zu verfassen. Einzig die nahen Bahngleise und das Geräusch fahrender Züge erinnert daran, dass wir das Jahr 2008 schreiben. Durch kleine Gassen und Gässchen schickt mich mein Reiseführer, vorbei an alten Holzhäuschen im japanischen Stil, durch Friedhöfe hindurch und immer wieder an Tempeln vorbei.
An einem findet eine Art Taufe statt. Sowohl Eltern als auch Neugeborene sind in traditionelle Kleider gewandet und es wird viel fotografiert. Da ich der einzige bin, der nicht zu einer Gesellschaft gehört, nimmt eine junge Frau all ihren Mut zusammen und fragt mich auf Englisch, ob ich nicht ein Foto von ihrer Familie machen könnte. Als ich ihre Kamera entgegennehme will sie sich bedanken und sagt "excuse me very much". "Thank you very much" wird sie sofort von einer Angehörigen mit scharfem Blick verbessert.
Nachdem ich das Foto gemacht habe, bedanken sich alle Fotografierten mit einer tiefen Verbeugung dafür, dass der ehrenwerte Ausländer seine Zeit für das Foto geopfert hat.
Am Ende meines Rundgangs liegt das Isestatsu, eines der ältesten und traditionsreichten Papierkunstgeschäfte Japans. Eine hübsche Auswahl an Fächern, Drucken, Puppen, Kämmen und Aufbewahrungsschachteln wird hier feilgeboten. Ich zeige einer der Verkäuferinnnen das Foto ihres Geschäfts in meinem Reiseführer und aus Freude darüber schenkt sie mir eine Karte, die eine Frau im Kimono zeigt.

Weiter geht es nach Akihabara, nur einige Metrostationen entfernt und doch eine andere Welt. Riesige aufdringliche Leuchtreklamen prangen an den Fassaden, es ist grell und laut. Hier geht man hin, wenn man sich mit den neuesten elektronischen Gadgets eindecken möchte. Von Kameras über Spielkonsolen bis zu Computern und DVD's, was es hier nicht gibt, gibt's nicht!
Einer der Läden, die ich betrete, offeriert im Untergeschoß "Spielzeug für Erwachsene". Offensichtlich ist das die "Schmuddelecke" des Ladens und das weckt mein Interesse. Zwischen den üblichen Sexspielzeugen und Vibratoren, fällt mir ein Gerät, schon alleine durch seine Größe, auf. Es handelt sich um einen elektrisch betriebenen Hocker, den man auch aus den, in Asien überaus beliebten, Läden für Massageräte kennt. Er simuliert mit seinen Auf-, Ab- und Seitwärtsbewebungen ein Rodeopferd. Nur das sich bei diesem Gerät zusätzlich ein Silikondildo auf dessen Sitzfläche erhebt. Auf einem Monitor darüber erklärt eine junge Frau, nur mit Höschen bekleidet, wie das Gerät zu benutzen sei. Am Ende ihrer Erklärung entledigt sie sich auch noch ihres Höschens und nimmt nun auf dem Gerät platz um es zu demonstrieren.
Fast traue ich meinen Augen nicht! Soetwas hätte ich in einem Land, in dem selbst ein öffentlicher Kuss verpöhnt ist, nicht erwartet.

Mittlerweile ist es 14 Uhr und es wird höchste Zeit, zu der letzten Station meines Ausflugs aufzubrechen. Obaida ist mit einer Monorailbahn zu erreichen, die computerbetrieben wird und somit ohne Fahrer auskommt. Wie von Geisterhand bewegt, fahren wir über die Rainbow-Bridge und kommen nun in einen Stadtteil, der durch seine experimentelle, postmoderne Architektur bekannt geworden ist. Hier, so scheint es, ist alles erlaubt was moderne Baumaterialien und Statik möglich machen, hier stehen wahre Wunderwerke moderner Architektur: Das Tokio Big Sight besteht aus vier Pyramiden, die mit ihrer Spitze auf Säulen stehen und deren Basis sich treffend, eine Plattform und den oberen Abschluß bilden.
Das Fuji TV Building ist derart komplex, dass es schwer fällt, es mit Worten zu beschreiben. Eine luftige Konstruktion, deren Stockwerke aus einem Gitternetz bestehen, jeweils mit Verbindungen nach oben, unten und seitlich. Am oberten Stockwerk befindet sich eine Titankugel, die gleichsam über dem ganzen zu schweben scheint.
Der Einkaufskomplex "Venus Fort" imitiert eine italienische Stadt. Auf Fenster wurde bei der Konstruktion, um einer perfekten Illusion willen, bewußt verzichtet. Man schreitet durch kopfsteingepflasterte Straßen und über Piazzas, an italienischen Fassaden entlang, in denen sich Geschäfte und Cafés befinden. Der künstliche Himmel ist so perfekt beleuchtet, dass er fast real erscheint. Mit Einsetzen der Dunkelheit, dämmert es auch in der Venus Fort Mall, der Himmel verdunkelt sich immer mehr, die Staßenbeleuchtung wird eingeschaltet und das Vogelgezwitscher aus den unsichtbaren Lautsprechern verstummt langsam. Ein Einkauf hier ist fast ein kleiner Kurzurlaub in Italien - aber nur fast!

Einer der Atraktionen von Obaida ist das Mega Web, ein ultramoderner Showroom des Automobilherstellers Toyota. Hier kann man nicht nur die gesammte Modellpalette des Konzerns besichtigen und ausprobieren sondern sich auch über neue Technologien und andere Innovationen informieren.
Ein Teil der Ausstellung ist dem Thema Behinderungen gewidmet und man kann verschiedene Modelle besichtigen, die für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geschaffen wurden. Bei einem schwenkt der Beifahrersitz zur Seite, schiebt sich aus der Tür, wobei er Rollen entfaltet, sich vom Fahrzeug löst und so zum Rollstuhl mutiert.
Ein anderes System, vergleichbar mit dem Antikolisionssystem moderner Verkehrsflugzeuge, wird in einer anderen Abteilung vorgestellt. Ein Sensor tastet die Straße nach Fremdkörpern ab und bremst, sollte er einen solchen findet, das Fahrzeug automatisch ab. Testen kann jeder Besucher das ganze an einem Fahrsimulator, der eine Situation bei schlechter Sicht, also eine Fahrt bei Nebel und Nacht, nachstellt. Plötzlich tauchen Personen oder liegengebliebene Autos auf und man muss versuchen einen Unfall zu verhindern. Die Besucher können die sehr realistische Simulation mit oder ohne das System testen.

Während ich noch auf eine Fahrt im Fahrsimulator warte, höre ich Trompetenmusik. Ich erinnere mich am Eingang einen menschengroßen Roboter gesehen zu haben, der eine Trompete in der Hand hielt. Ich gehe in die Richtung aus der die Musik kommt und sehe tatsächlich bald den Roboter, wie er Weihnachtslieder auf der Trompete spielt und dazu tanzt. Hier, so scheint es, hat die Zukunft bereits begonnen.

Freitag, 24. Oktober 2008

Uniquely Singapore

Singaporean Market
Asiatische Länder werben gerne mit Slogans um Besucher. Kurz, prägnant und einprägsam sollten sie sein und natürlich müssen sie Lust darauf machen das Land als Tourist zu bereisen. "Thailand - Land of Smiles" wirbt das Königreich Siam vollkommen zurecht mit der Freundlichkeit seiner Bewohner, "Malaysia - Truly Aisia" reimt sein südlicher Nachbar und will darauf aufmerksam machen, dass man sich hier noch nicht an den "western way of life" angepasst und sich dafür sogar eine Hymne hat komponieren lassen. Auch Indien hat mit seinem "Incredible !ndia" eine umfassende Beschreibung des Landes auf nur zwei Worte und ein Satzzeichen reduziert.
Und Singapur? Der winzige Inselstaat an der Südspitze Malaysias behauptet einzigartig zu sein. "Uniquely Singapore" steht auf den Broschüren, die bereits am Flughafen für die Touristen kostenfrei ausliegen. Ob man in Singapur einkaufen will, einen Stadtspaziergang vorhat, die abwechslungsreiche Geschichte erleben oder die asiatische Küche in ihrer Vielfalt genießen möchte, für jedes Vorhaben liegt eine ausführliche, auf Glanzpapier gedruckte und mit vielen Bildern versehene, Broschüre bereit.
Obwohl dies nicht mein erster Aufenthalt in dem Stadtstaat ist nehme ich mir einige Führer mit. Gut vier Tage habe ich Zeit in das pulsierende Leben einzutauchen, mir von der tropischen Schwüle und von scharf gewürzten Speisen den Schweiß aus den Poren treiben zu lassen, Freunde zu treffen, die ich bei vorherigen Aufenthalten kennengelernt habe und bei einer Massage zu entspannen.

"Uniquely Singapore", schon bei der Fahrt durch die gerade erwachende Stadt denke ich darüber nach, was Singapur so einzigartig macht. Wir fahren am East Coast Beach vorbei, als gerade die Sonne aufgeht und kommen an der neuesen Atraktion, dem weltgrößten Riesenrad, vorbei, kreuzen den Singapore River am Esplanade Theater, einer Konzerthalle, deren Architektur an die in Asien so geschätzte Durian Frucht erinnern soll und fahren schießlich die berühmte und noch verschlafen wirkende Orchard Road herauf, an deren Ende sich unser Hotel befindet.
Sanft gleitet unser Bus voran, denn die Straßen sind in einem Zustand, der vermuten ließe, sie seien alle erst in den letzen Jahren gebaut worden. Man könnte problemlos ein Nickerchen auf der Fahrt machen, aber dazu habe ich, selbst nach dem 12 stündigen Flug, keine Lust. Statt dessen schaue ich lieber aus dem Fenster und freue mich auf die Tage, die vor mir liegen.

Die Einzigartigkeit der tropischen Insel, die genau auf dem Äquator liegt, liegt nicht in der Sauberkeit, dem guten Zustand aller Gebäude, der perfekten Infrastruktur oder den vielen, zum Teil absurd scheinenden Verboten (zum Beispiel ist die Einfuhr von Kaugummi strengstens untersagt) und den damit verbundenen Stafen (umgerechnet € 50,- kostet es eine öffentliche Toilette zu benutzen ohne zu spühlen). Einzigartig wird Singapur durch den Mix der Ethnien seiner Bevölkerung. Was in jedem anderen Land zu Spannungen und letzlich zu Separationsbestrebungen führen würde, ist hier überhaupt kein Thema. Chinesen, Malayien und Inder teilen sich das kleine Eiland und leben in Eintracht und Frieden seit Jahrzehnten mit- und nicht etwa nur nebeneinander. Schilder im öffentlichen Raum sind viersprachig in der Amtssprache Englisch, Mandarin, Bahasa Malay und Tamil geschrieben. Nie habe ich gehört, dass man sich über religiöse Bräuche oder Traditionen der Mitbürger anderer Abstammung lustig gemacht hätte.
Einträchige stehen Tempel neben Moscheen, feiern Inder ihr Deepavali Fest, Muslime mit ihrem Id das Ende des Fastenmonats Ramadan und verbrennen Chinesen auf der Straße Geistergeld für ihre Ahnen, ohne dass auch nur irgendjemand Anstoß daran nehmen würde.
Hier sollte man alle George W.s, alle Osamas, Musharafs und Olmerts, kurz alle Hardliner dieser Welt, zur Schule schicken und sie lehren, dass es nicht nur möglich, sondern eine absolute Bereicherung ist, zu integrieren statt auszugrenzen. Alle Volksgruppen bringen ihre Stärken ein und ergänzen einander: die Chinesen ihren Sinn für gute Geschäfte, die Malayen ihre Kunstfertigkeit und Inder ihren Sinn für Spiritualität und alle zusammen das Beste, was die Küchen der jeweiligen Länder zu bieten haben und schaffen damit ein Paradies für die Liebhaber asiatischer Esskultur.

Wer in Singapur gut essen möchte, kann dies überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit tun. Bei Touristen wie Einheimischen gleichermaßen beliebt sind die sogenannten Hawkermärkte. Eine Ansammlung von Garküchen, meist unter freiem Himmel, in denen man sich unglaublich günstig, schnell und lecker alle Spezialitäten der asiatischen Küche zubereiten lassen kann - ein wahres Schlaraffenland.
Kaum mehr als 5 Singapurdollar, etwa 2,50 € kostet ein Essen in diesen Märkten, stets frisch zubereitet und, schon allein wegen der großen Konkurrenz, von überragender Qualität.
Lao Pa Sat heißt mein Favorit unter den zahlreichen Essensmärkten, eine schmiedeeiserne Konstruktion mit sternförmigem Grundriss, die früher als Markthalle diente und in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Hawkercenter umgebaut wurde um die Angestellten aus dem dort mittlerweile entstandenen Geschäftsvieltel mit Essen zu versorgen.
Große Ventilatoren arbeiten unter der Decke und schaffen nicht nur ein angenehmes Klima sondern vermischen auch die Gerüche der dort zubereiteten Speisen zu einer Fusion der Kulturen, wie man sie nur hier findet. Uniquely Singapore!

Sonntag, 6. April 2008

Recuerdos de Argentina - my first book

Mein erstes Buch ist gerade veröffentlicht worden - ein Bildband meiner Reise durch Argentinien, über die ich hier ausführlich berichtet habe. Wenn ihr Lust habt klickt einfach auf den Link und schaut Euch eine Vorschau an!